Donnerstag, 05.09.2019

10:10 - 11:40

Hörsaal 12

Freie Beiträge - Neue Ansätze in der Rehabilitation

10:10
Machbarkeit eines multimodalen Gerätetrainings in Senioreneinrichtungen
S115-01 

E. Mende, N. Schaller, M. Siegrist, H. Krusemark, J. Bischof, M. Weiss, O. Zelger, M. Halle; München

Fragestellung: Chronischer Bewegungsmangel reduziert die körperliche Belastungsfähigkeit und erhöht das Risiko für verschiedene Erkrankungen. Insbesondere bei älteren Menschen gilt Bewegungsmangel als Hauptursache für den Verlust von Muskelmasse, eine Einschränkung der Alltagsfähigkeiten und ein erhöhtes Sturzrisiko. Dennoch sind viele ältere Menschen zu wenig aktiv. Insbesondere in Senioreneinrichtungen fehlt es an effektiven Trainingsprogrammen zum Erhalt von Muskelkraft, Funktionsfähigkeit und Mobilität. Deshalb wurde im Rahmen dieses Pilotprojekts die Machbarkeit eines neuen multimodalen Geräte-gestützten Trainingskonzepts in Senioreneinrichtungen überprüft.

Methode: In zwei Senioreneinrichtungen wurden Trainingsräume mit seniorengerechten Kraft-, Koordinations- und Ausdauergeräten eingerichtet. Nach einer medizinischen Eingangsuntersuchung wurde 2 Mal pro Woche ein angeleitetes 45-minütiges Training angeboten. An dem Training konnten alle Bewohner teilnehmen, die in der Lage waren, das Kleingruppentraining ohne ärztliche Aufsicht zu absolvieren. Die Bewohner wurden zu Beginn, nach drei und sechs Monaten ärztlich und sportmotorisch untersucht. Die Endpunkte der Machbarkeitsstudie waren Rekrutierungsrate, Drop-Out-Rate und Adhärenz zum Training. Nachfolgend sind die Ergebnisse im Verlauf von drei Monaten dargestellt.

Ergebnisse: 77 Teilnehmer im Alter von 74 bis 103 Jahren (60 Frauen, Durchschnitts-BMI: 24,7±3,8 kg/m2, Durchschnittsalter: 85,6±6,6 Jahre) wurden rekrutiert (Rekrutierungsrate: 36 %). Vier Teilnehmer beendeten das Training im Verlauf der ersten drei Monate (2 Stürze, 1 Todesfall, 1 x Blutdruckschwankungen/ Schwäche). Im Durchschnitt nahmen die Probanden an 75 % der angebotenen Trainingseinheiten teil. 82 % der Teilnehmer waren adhärent.

Schlussfolgerung: Im Verlauf der Pilotstudie zeigte sich, dass ein multimodales Geräte-gestütztes Kraft-, Koordinations- und Ausdauertraining in Senioreneinrichtungen umsetzbar ist. Die hohe Adhärenz spiegelt ein großes Interesse der Seniorenheimbewohner an dem angeleiteten Gerätetraining wider. Auf Basis dieser ersten Ergebnisse soll eine cluster-randomisierte Studie im Setting Senioreneinrichtungen mit größerer Teilnehmerzahl entwickelt werden, die Informationen über die Effektivität des Programms liefern kann.

10:25
Testentwicklung des orthopädischen Wolf-Motor-Funktionstests (WMFT-O) für Patienten mit proximaler Humerusfraktur als funktionelle Kapazitätsmessung und Überprüfung der Gütekriterien.
S115-02 

C. Nerz, L. Schwickert, S. Schölch, K. Gordt, P.-C. Nolte, I. Kröger, P. Augat, C. Becker; Stuttgart, Heidelberg, Ludwigshafen, Murnau am Staffelsee

Hintergrund und Zielsetzung: Die Inzidenz von Humerusfrakturen (HF) stieg in den letzten Jahren an, so dass pro Jahr mehr als 40.000 HF registriert wurden (13% der insgesamt registrierten Frakturen). 45% der HF betreffen dabei das proximale Ende, bei Personen >40Jahren sind es bereits 76%. Dieser Anstieg geht mit einem erhöhten Operations- und Rehabilitationsbedarf einher. Es erfordert neben patientenbasierte Fragebögen, auch klinisch basierte Messinstrumente, um den Rehabilitationserfolg und die Leistungsfähigkeit der oberen Extremitäten beurteilen zu können. Diese objektiven Messinstrumente fehlen bislang. Ursprünglich wird anhand des Wolf-Motor-Funktionstest objektiv die Leistungsfähigkeit der oberen Extremitäten von neurologischen Patienten beurteilt. Die vorliegende Studie soll den auf orthopädische Patienten angepassten Wolf-Motor-Funktionstest (WMFT-O) hinsichtlich seiner Gütekriterien überprüfen.

Methodik: Um die Inter- und Intra-Rater Reliabilität des klinischen WMFT-O zu überprüfen, wurden 20 älteren Patienten (m=80,5Jahre) mit chirurgisch oder konservativ behandelter Schulterverletzung hinsichtlich ihrer Leistungsfähigkeit in einem Test-Retest-Design von zwei unabhängigen Ratern bewertet. Die Reliabilität wurde dabei durch gewichtete Cohens Kappa-Statistiken (Kw) mit entsprechenden Konfidenzintervallen überprüft. Um die Inter-Rater Reliabilität des videobasierten WMFT-O zu überprüfen, wurden 56 Patienten (m=61,7Jahre) nach einer operativ behandelten proximalen Humerusfraktur (PHF) zu zwei unterschiedlichen Zeitpunkten durch drei verblindete Rater bewertet. Die Inter-Rater Reliabilität wurde durch Fleiss Kappa-Statistiken mit dazugehörigen Konfidenzintervallen überprüft. 40 der 56 Patienten wurden zudem vor und nach einer dreiwöchigen assistiven robotergestützten Trainingsintervention bewertet. Für diese 40 Patienten wurde die Veränderungssensitivität durch Berechnung des „change score“ (CS), der „standardized effect sizes“ (SES) und des „standardized response means“ (SRM) analysiert.

Ergebnisse: Sowohl die Inter-, als auch die Intra-Rater Reliabilität des klinischen WMFT-O ist hoch (Kw>0,71). Die Inter-Rater Reliabilität des videobasierten WMFT-O ist niedriger und reicht für die einzelnen Testitems von 0,27-0,66. Die Veränderungssensitivität ist hoch (CS>14,9; SES>0,9; SRM>1,3).

Schlussfolgerung: Die Ergebnisse belegen, dass der WMFT-O ein reliables und veränderungssensitives Instrument zur objektiven Messung der Leistungsfähigkeit nach PHF ist.

10:40
Biographiearbeit im Rahmen geriatrischer Frührehabilitation
S115-03 

S. Steinkamp, C. Leimpeters, A. H. Jacobs; Bonn

Hintergrund: Geriatrische Patienten zeigen in stationärer Behandlung häufig psychische Auffälligkeiten wie Demenz,  Depression und Delir. In diesem Zusammenhang werden zusätzliche Medikamente notwendig, um die Stimmung und das Verhalten der Patienten führbar und für die Patienten angenehmer zu gestalten. Im Bereich der Depressionen und anderen psychiatrischen Auffälligkeiten kann gut mit Psychotherapie entgegengewirkt werden. Jedoch ist bei kognitiven Einschränkungen, eingeschränkter Sprachfähigkeit und im Delir diese Behandlungsform nicht zielführend indiziert.

Ziel: Bei Patienten mit kognitiven Einschränkungen und Delir soll in der multimodalen geriatrischen Behandlung Biographiearbeit ergänzend angewendet werden, um den möglichen Nutzen in Bezug auf Stimmung, Verhalten und Medikation zu untersuchen.

Methodik: Selbst entwickeltes Arbeitsheft, 40 bebilderte Seiten mit Aufgaben, Themen u.A.: Eigenschaften und Gefühle, Bindungen, Hobbies, Reisen, schulischer/beruflicher Werdegang, Interessen. Gespräche und Durchführung der Aufgaben in Begleitung eines Therapeuten (Ergotherapie/Psychologen) mit 30 Patienten. Sammlung der Beobachtungen, Erfolge und Herausforderungen bez. Compliance, Stimmung und Kognition. Bis 3x30 Minuten Intervention.

Ergebnisse: Bei vielen der behandelten Patienten zeigte sich im Verlauf der einzelnen Sitzungen eine Stimmungsverbesserung. Teilweise wurde eigenständig an den Themen des Buches weitergearbeitet. Wortfindung und Erinnerungsstörungen zeigten sich teilweise im Verlauf mehrerer Sitzungen rückläufig. Problematisch war die Ablehnungsquote bei deliranten und hoch depressiven Patienten bei erhöhter negativer Affektivität. Potenzial bietet die weiterführende Einbindung von Angehörigen, die im Nachgang an den stationären Aufenthalt die Arbeit am Buch weiterführen, sowie eine Vorbereitung auf die Intervention durch bekannte vertraute Personen.

Zusammenfassung: Eine erste Pilotphase zeigt: Kognitive und affektive Veränderungen sind durch Biographiearbeit modulierbar. Eine Implementierung in einem größeren Studienkontext ist notwendig, um den Nutzen dieser Intervention i.R. der geriatrischen Frührehabilitation weiter zu belegen.

Danksagung: Die Implementierung der Biographiearbeit wurde von der Robert Bosch Stiftung gefördert.

10:55
Musiktherapeutische Interventionen im Rahmen der geriatrischen Frührehabilitation
S115-04 

C. Leimpeters, S. Steinkamp, A. H. Jacobs; Bonn

Hintergrund: Geriatrische Patienten zeigen in stationärer Behandlung psychische Auffälligkeiten wie Demenz, Depression und Delir. Dabei werden zusätzliche Medikamente notwendig, um das Befinden der Patienten zu verbessern. Bei stärkeren kognitiven Einschränkungen mit eingeschränkter Sprechfähigkeit und Delir ist meist keine ausreichende verbale Kommunikation herstellbar. Es liegen Hinweise auf die Wirksamkeit musiktherapeutischer Interventionen vor (van der Stehen et al. 2018).

Ziel: Behandlung von Patienten mit Demenz, Depression und Delir i.R. der geriatrischen Frührehabilitation mittels musiktherapeutischer Methoden und Evaluation der Effekte auf Befinden, Verhalten und Medikamentenbedarf.

Methodik: Die Behandlung erfolgt je nach Indikation rezeptiv oder aktiv in 2-6 Sitzungen. Aktive Musiktherapie umfasst Methoden, bei denen der Patient selbst mit Instrumenten oder Stimme handelnd beteiligt ist. Dies sind rhythmische Übungen (Rhythmen imitieren oder im Frage-Antwort-Format austauschen, Betonung bestimmter Schläge, Liedbegleitung), Spielen/Singen von Lieblingsmelodien (Ressourcen-/Biographieorientierung) sowie Improvisation (beschreibender Ausdruck von Persönlichkeiten, Landschaften, Jahreszeiten, Stimmungen, Gefühlen). Rezeptive Musiktherapie umfasst das Hören und Erleben von Unterhaltungs- oder Entspannungsmusik mit therapeutischer Zielsetzung. Dazu gehört die musiktherapeutische Biographiearbeit bezüglich musikalischer Erfahrungen (preffered music) oder das Erstellen einer musikalischen Lebensgeschichte.

Ergebnisse: Musiktherapeutische Interventionen wurden bei n=34 Patienten durchgeführt. Die Patienten nahmen die Behandlung gerne an und arbeiteten motiviert mit. Klinisch zeigten sich Hinweise auf positive Effekte auf Wohlbefinden und Compliance, sowie motorische und kognitive Fähigkeiten. Patienten berichteten daneben von einer entspannenden und nervositätslindernden Wirkung.

Zusammenfassung: Musiktherapie kann bei Patienten i.R. der geriatrischen Frührehabilitation zielführend eingesetzt werden. Eine Untersuchung der Effekte mittels eines standardisierten und experimentellen Designs ist wünschenswert.

Danksagung: Die Implementierung der Musiktherapie wurde von der Robert Bosch Stiftung gefördert.

Literatur: Van der Steen et al. Music-based therapeutic interventions for people with dementia. Cochrane Database Syst. Rev. 2018 doi: 10.1002/14651858.CD003477.pub4

11:10
Kunsttherapie in der geriatrischen Tagesklinik – PAINT II
S115-05 

K. Singler, J. Masuch, Y. Heuß, M. Gosch; Nürnberg

Hintergrund und Fragestellung: Einzelne Arbeiten und Projekte zeigen einen positiven Effekt von Kunsttherapie bei älteren Demenzpatienten. Vor diesem Hintergrund soll im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie (PAINT - Preventive Art Intervention Therapy) der Einfluss von Kunsttherapie in der Behandlung geriatrischer Patienten evaluiert werden. Eine der in der PAINT- Studie behandelten Fragestellungen ist, ob durch den Einsatz von Kunsttherapie als Teil des geriatrischen Teams in einer geriatrischen Tagesklinik eine nachweisliche Verbesserung des Zustandes der Patienten erreicht werden kann.

Methode: Es handelt sich um eine randomisierte kontrollierte Interventionsstudie (09/2017-09/2019). Eingeschlossen wurden = 70-jährige Patienten einer geriatrischen Tagesklinik mit den bei Aufnahme bestehenden Diagnosen Depression, chronisches Schmerzsyndrom und/oder Demenz. Nach schriftlicher Einwilligung wurde bei den Patienten ein umfassendes geriatrisches Assessment durchgeführt, welches unter anderem die Depression im Alter-Skala (DIA-S), den Wellbeing-Index (WHO-5) und die verbale Schmerzskala (VRS) beinhaltete. Teilnehmer der Kontrollgruppe erhielten `treatment-as-usual`, die Studiengruppe hingegen zusätzlich zweimal wöchentlich Kunsttherapie (2x60min) nach einem standardisierten Modulplan. Zum Ende des Aufenthaltes wurde erneut ein geriatrisches Assessment durchgeführt. Zudem erfolgte drei Monate nach Entlassung ein Follow-Up im Rahmen eines Telefoninterviews mit den Schwerpunkten Nachhaltigkeit, Effekte der Intervention sowie Fragen zur aktuellen Lebenssituation.

Ergebnisse (zum Zeitpunkt der Abstract-Einreichung): Zum Zeitpunkt der Abstract-Einreichung waren 247 Patienten eingeschlossen (Medianes Alter 81,2 Jahre, MMSE im Median 25 Punkte). 42,5% der Patienten hatten eine Demenz, 41% eine Depression und 55,5% ein chronisches Schmerzsyndrom. Im Mittel besuchten die Patienten 4,7 Kunsttherapiestunden. In den bisherigen erhobenen Daten zeigen sich im geriatrischen Assessment der Interventionsgruppe im Prä-Post-Vergleich Verbesserungen in der DIA-S, dem WHO-5 Wellbeing-Index und der verbalen Schmerzskala. Die PAINT-Studie wird von der STAEDTLER®-Stiftung gefördert.

Schlussfolgerung: Kunsttherapie als Teil der Therapie in einer geriatrischen Tagesklinik kann den Zustand der Patienten nachweislich verbessern.

11:25
Individualisierte Musik für Menschen mit Demenz – eine aktuelle Studie zur Verbesserung der Lebensqualität und sozialen Partizipation von Menschen mit Demenz in Pflegeheimen
S115-06 

E. Jakob, L. Weise, N. Töpfer, M. Sittler, G. Wilz; Jena

Hintergrund: Angesichts steigender Prävalenzraten von Demenzerkrankungen stellt sich die Frage, wie die Lebens- und Pflegequalität von Menschen mit Demenz sichergestellt und verbessert werden kann. Das Hören individualisierter Musik kann dahingehend als vielversprechende nicht-pharmakologische Intervention angesehen werden. Einzelne empirische Studien zeigen Hinweise auf eine Reduktion von agitiertem Verhalten, depressiven Symptomen und Angsterleben sowie die Förderung psychosozialer Faktoren durch individualisierte Musik. Einschränkend weisen mehrere Reviews und Metaanalysen jedoch auf die Inkonsistenz der Befunde und besonders auf die mangelnde methodische Qualität der bisherigen Studien hin. Ausgehend von den positiven Vorerfahrungen einer 2016 durchgeführten Pilotstudie, ist das Ziel der derzeit laufenden großangelegten 3-jährigen Studie die Untersuchung der Wirksamkeit, Anwendbarkeit und Akzeptanz einer individualisierten Musikintervention für Menschen mit Demenz in Pflegeheimen.

Methode: Insgesamt sollen 130 Menschen mit Demenz aus 5 Pflegeheimen randomisiert zu einer Interventions- und einer Kontrollgruppe zugeteilt werden. Die Interventionsgruppe hört ihre individualisierte Musik über einen Zeitraum von 6 Wochen jeden zweiten Tag für 20 Minuten. In dieser Zeit werden bei jedem Teilnehmenden drei 60-minütige Verhaltensbeobachtungen durchgeführt. Bei zwei dieser Verhaltensbeobachtungen werden Speichelproben entnommen, um eine mögliche stressreduzierende Wirkung von Musik auf Menschen mit Demenz zu untersuchen. Das Pflegepersonal wird unter anderem zum Wohlbefinden, zur sozialen Beteiligung und zum Problemverhalten der teilnehmenden Menschen mit Demenz befragt.

Ergebnisse: Vorläufige Ergebnisse aus 4 Pflegeheimen zeigen die Durchführbarkeit sowie Akzeptanz der individualisierten Musikintervention und geben erste Hinweise auf ihre Wirksamkeit.

Diskussion: Mithilfe der Studie soll ausgewertet werden, ob die Musikintervention zur Steigerung der Lebensqualität und Erhöhung der sozialen Partizipation von Menschen mit Demenz beitragen kann. Die vorläufigen Studienergebnisse werden diskutiert sowie Implikationen für die Implementierung einer individualisierten Musikintervention in der institutionellen Pflege herausgestellt.

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