Donnerstag, 05.09.2019

10:10 - 11:40

Hörsaal 9

S113

Freie Beiträge - Studien,Tools, Screening und Anwendung

10:10
Entwicklung und Evaluation einer Intervention zur Verbesserung der Lebensqualität bei älteren Erwachsenen mit auditiven, visuellen und kognitiven Einschränkungen
S113-01 

L. Wolski, I. Leroi, Z. Simkin, C. Thodi, A. Charalambous, I. Himmelsbach; Freiburg, Dublin/IRL, Manchester/UK, Nicosia/CY, Nicosia /CY

Hintergrund und Fragestellung: Innerhalb der EU sind immer mehr Menschen, im höheren Alter, von einer demenziellen Erkrankung betroffen. Nicht selten geht mit einer Demenz ein Hör-bzw. Sehverlust einher. Diese ungünstige Ausgangslage birgt neue gesellschaftliche Herausforderungen (z.B. Diagnostik). Das Projekt SENSE-Cog (Ears Eyes and Mind) versucht mit einer Intervention, die neun unterschiedliche Bausteine (wie z.B. die korrekte Anpassung eines Hörgerätes) beinhaltet, dieser Herausforderung angemessen gerecht zu werden. Vermittelt wird die Intervention durch einen Sensory Support Therapist (SST) der die Probanden zu Hause besucht mit dem Ziel die Lebensqualität zu verbessern. Innerhalb der letzten vier Jahre wurden, im Rahmen einer Prozessevaluation, Literraturreviews erstellt (Dawes et al., 2018), Experten unterschiedlicher Disziplinen befragt sowie eine Pilotstudie durchgeführt. Die quantitativen und qualitativen Erkenntnisse wurden in ein RCT eingearbeitet. Der Beitrag diskutiert die Ergebnisse der Pilotstudie.           

Methoden: In der Pilotstudie wurden n=10 (Personen mit Demenz sowie deren pflegende Angehörige - Dyaden) hinsichtlich der Durchführung und Akzeptanz einer Supportintervention (SI), anhand von semi-strukturierten Interviews, befragt. Die Befragung erfolgte an zwei Standorten in der EU (CY & UK). Während n=8 Dyaden eine 3-4wöchige Version der Intervention durchliefen (Versorgung und Einstellung von technischen Hilfsmitteln, Anpassungen des häuslichen Umfelds, Kommunikationstraining etc.), wurde anhand von n=2 Dyaden die gesamte 12-wöchige Intervention getestet und evaluiert.

Ergebnisse: Die SI wurde von den Probanden sowie deren pflegenden Angehörigen positiv angenommen. Dabei hat sich herausgestellt, dass vor allem Pflegende von der Intervention profitieren. Überwiegend konnte den Pflegenden nicht nur grundlegendes Wissen bezüglich technischer Belange vermittelt werden, sondern auch Besonderheiten im Umgang mit ungewohnten Verhaltensweisen, die aus dem Krankheitsverlauf resultieren. Auf Seiten der Probanden konnte vor allem die Kommunikationsfähigkeit verbessert werden.

Schlussfolgerungen: Interventionen, die sich an ältere Menschen mit dualen Einschränkungen (d.h. Demenz sowie eine sensorische Einschränkung) richten, sollten modular auf individuelle Bedürfnisse abgestimmt werden können. Darüber hinaus sollten Interventionen pflegende Angehörige effektiver miteinbeziehen sowie anpassbare weiterbildende Elemente anbieten.

10:25
Evaluation of the Implementation of Non-pharmacological Psychosocial Interventions in Geriatric Inpatients
S113-02 

L. Brandstetter, R. Woltersdorf, S. Steinkamp, C. Leimpeters, M. Kowar, U. Jaehde, A. H. Jacobs; Bonn

Background: Delirium is a common complication in hospitalized elderly patients. Non-pharmacologic multicomponent approaches targeting risk factors may be beneficial for the prevention and treatment of delirium.

Aim: To evaluate the effects of non-pharmacological psychosocial interventions (NPPI) in geriatric in-patients on delirium development and new prescriptions of central active delirium modulating drugs (NPDMD).

Methods: This observational pre-post-implementation study was approved by the local ethics committee and consisted of two phases. During phase 1 (2016; Cao et al. DGG 2017) patients received standard geriatric care. In phase 2 (2018), three new NPPIs were implemented (cognitive stimulation, reminiscence, music therapy). At the end of phase 2, evaluation of the study was performed by comparing patients with NPPI to those without NPPI from phase 2 and to the study population from phase 1.

Results: In phase 2, from 139 eligible patients 106 patients were included, with 10 patients having delirium and 26 patients receiving at least one intervention based on clinical indication (cognitive impairment, delirium). No differences regarding the demographic data were observed comparing the different groups. Patients with and without intervention were compared and the following characteristics were observed in the intervention group: higher prevalence of delirium (< 0.01; 26.9% vs. 3.9%), dementia (p < 0.001; 38.5% vs. 7.5%) and depression (p = 0.02; 53.8% vs. 28.8%); at admission a lower median MMSE score (22, IQR 18.25-26.25 vs. 27, IQR 24-29, p < 0.01) and higher median CDT score (4, IQR 2-4.5 vs. 3, IQR 2-4 p = 0.02), at discharge a lower median BI score (62.5, IQR 42.5-76.25 vs. 70, IQR 60-85,= 0.02)  as well as a higher anticholinergic burden until the second week of hospital stay. Importantly, no significant differences were observed regarding the NPDMD. No differences were observed between patients with an intervention (phase 2) to patients from phase 1.

Conclusion: This study indicates that patients with cognitive impairment and delirium can be subjected to NPPI. Although functional impairment at discharge in these patients is greater than in controls the amount of NPDMDs is similar. These results suggest that NPPI may have beneficial effects potentially leading to sparing of NPDMDs. Future studies should investigate these effects of NPPI at a larger scale.

Acknowledgements: This study was supported by the Robert Bosch Foundation.

10:40
Patientenpräferenzen und Polypharmazie: Entwicklung des elektronischen Fragetools „PolyPräf“
S113-03 

A. Eidam, A. Roth, E. Frick, M. Metzner, A. Lampert, H. Seidling, W. Haefeli, J. M. Bauer; Heidelberg

Fragestellung: Der Einbezug individueller Behandlungspräferenzen ist ein denkbarer Ansatz, um die Zufriedenheit betagter Patienten mit der eigenen Medikation zu erhöhen. Mit dem Fragetool „PolyPräf“ wurde ein IT-basiertes Instrument zur Ermittlung der Patientenpräferenzen im Kontext der geriatrischen Polypharmazie entwickelt.

Methodik: „PolyPräf“ erfragt Präferenzen für mögliche Kernthemen einer Arzneimitteltherapie: kurzfristige Behandlungsergebnisse (aktuelle Lebensqualität), langfristige Behandlungsergebnisse (Prävention) und Aspekte der praktischen Anwendung. Der methodische Aufbau basiert auf einem zweistufigen Verfahren der direkten Präferenzmessung. In einem ersten Schritt sollen mittels Likert-Skala individuell als bedeutsam empfundene Eigenschaften ausgewählt werden. Im zweiten Schritt erfolgt eine Hierarchisierung dieser Eigenschaften mit dem Rangordnungsverfahren Q-Sort. Während des Entwicklungsprozesses von „PolyPräf“ wurden mittels Fachinformationen rund 50 Arzneistoffe hinsichtlich kurzfristiger Behandlungsziele (kontrollierte Symptome, Nebenwirkungen) analysiert und die ausgelesenen Ergebnisse durch eine Expertengruppe bezüglich Vollständigkeit und Relevanz geprüft. Es erfolgte eine Literaturrecherche zur Bereitschaft älterer Patienten, eine präventiv wirksame Medikation einzunehmen. Machbarkeit und Verständlichkeit von „PolyPräf“ werden derzeit in der Zielpopulation (Alter >= 70 Jahre, dauerhafte Einnahme von >= 5 Medikamenten, >= 2 chronische Erkrankungen, kognitiv intakt) pilotiert.

Ergebnisse: Die finale Version von „PolyPräf“ beinhaltet im ersten Schritt 29 Likert-Skala-basierte Fragen: 18 zu aktuell beeinträchtigenden Symptomen, 3 zur orientierenden Ermittlung des präventiven Willens und 8 zu Aspekten der praktischen Anwendung der Medikation. Die Rekrutierung für die Pilotierungsstudie hat im April 2019 begonnen und soll im Juni 2019 abgeschlossen sein.

Schlussfolgerung: Durch ausführliche Literaturanalyse hinsichtlich der tatsächlichen Möglichkeiten der geriatrischen Arzneimitteltherapie und Einbezug einer Expertengruppe wurde eine umfassende Inhaltsvalidität von „PolyPräf“ sichergestellt. Der methodisch einfache Ansatz soll die Anwendbarkeit in der betagten Zielgruppe ermöglichen.

10:55
Effekte eines hochintensiven Krafttrainings auf Sarkopeniegrössen bei selbstständig lebenden Männer 72 Jahre+ mit einer Osteosarkopenie. 6-Monats Ergebnisse des Franconian Osteopenia & Sarcopenia Trials (FrOST)
S113-04 

W. Kemmler, S. von Stengel, D. Schöne; Erlangen

Fragestellung: Trotz der engen Interaktion zwischen Knochen und Muskulatur zeigen Krafttrainingsprotokolle zwar positive Effekte auf Sarkopeniekriterien, der Effekt auf Osteoporosegrössen ist bei älteren Männerkollektiven nicht nachgewiesen. Es fragt sich somit, ob und inwieweit ein hochintensives Krafttraining (HIT-RT) signifikant positiven Einfluss auf Knochen-, sowie Muskelmasse und –Funktion bei einem älteren Männerkollektiv nimmt. Die vorliegende 6-Monat Kontrolluntersuchung fokussiert dabei auf Sarkopeniekriterien.  

Methode: 43 selbstständig lebende Männer 72 Jahre+ mit Prä-Sarkopenie und Osteopenie wurden randomisiert einer Trainingsgruppe (n=21) oder Kontrollgruppe (KG. n=22) zugeordnet. Die Trainingsgruppe führt 2-3x Woche ein periodisiertes HIT-RT an Geräten (alle großen Muskelgruppen) durch, die Kontrollgruppe hält ihr Aktivitätsniveau aufrecht. Beide Gruppen werden mit Protein supplementiert. Die Proteinzufuhr der TG auf wurde auf 1.5 g/kg, diejenige der KG auf 1.2 g/kg Körpergewicht/d adjustiert. Beide Gruppen werden angemessen mit Calcium und Vit-D/d versorgt. Primärer Endpunkt ist der Sarkopenie-Z-Score gemäß EWGSOP-I Kriterium.

Ergebnisse: Insgesamt 39 Teilnehmer konnten an der 6 Monatsmessung teilnehmen. Zwei Teilnehmer mussten den Messtermin wegen Erkrankung absagen, ein Teilnehmer (KG) verlor das Interesse an der Fortsetzung der Untersuchung. Der Sarkopenie Z-Sore verbesserte sich in der HIT-RT (p<.001) und verschlechterte sich in der KG (p=.012) Die Differenz zwischen den Gruppen war bei hoher Effektstärke (SMD: 1.89) signifikant. Der vorliegende Effekt basierte primär auf signifikanten Unterschieden für den skeletalen Muskelmassen Index (kg/m2)(HIT-RT: 4.2±3.0%, p<.001 vs. KG: -0.4±2.6%, p=.548; SMD: 1.53, p<.001) und die Handkraft (0.5±5.7%, p=.89 vs. -6.8±6.3%, p<.001; SMD: 1.00, p<.001). Kein signifikanter Zwischen-gruppenunterschied (1.3±2.1%, p=.061 vs. -0.3±3.1%, p=.639; SMD: 0.38, p=.090) zeigte sich für die habituelle Gehgeschwindigkeit. Es wurden keine relevanten unerwünschten Nebeneffekte des HIT-RT beobachtet oder berichtet.

Schlussfolgerung: HIT-RT und angemessene Ernährungssupplementierung stellt bei sorgsamer Adjustierung der Trainingsparameter eine zeiteffektive und sichere Interventions-option zur Verbesserung von Muskelgrößen für ältere Männer mit Osteosarkopenie dar. Ob und inwieweit dieser Interventionstyp auch zur Verbesserung der Knochendichte beiträgt, ist in weiteren Verlauf der Untersuchung zu prüfen.

11:10
Quantifizierung und Analyse sedentären Verhaltens kognitiv eingeschränkter Patienten auf der geriatrischen Akutstation
S113-05 

N. Belala, M. Schwenk, C. Becker; Heidelberg, Stuttgart

Fragestellung: Steigende Zahlen geriatrischer Krankenhauspatienten mit kognitiver Einschränkung (ca. 40%) bedeuten eine Herausforderung für das Gesundheitssystem. Funktionalitätsverluste aufgrund sedentären Verhaltens während stationärer Aufenthalte, verursacht durch bisher undefinierte Faktoren, haben einen Selbstständigkeitsverlust und Pflegebedürftigkeit zur Folge. Dennoch mangelt es an Aktivitätsdaten mit zugehörigen Kontextinformationen zur Immobilität dieser Patientengruppe. Im Rahmen unseres Projektes, das die Weiterentwicklung des LiFE-Konzeptes hin zu einer Intervention für kognitiv eingeschränkte Geriatriepatienten beinhaltet, sollen daher mittels einer Observationsstudie Routinen der geriatrischen Akutstation sowie das Aktivitätsverhalten der Patienten quantifiziert und analysiert werden.

Methode: Die Krankenhausroutinen wurden mittels semistrukturierter Interviews mit den beteiligten Berufsgruppen analysiert. Mit 20 kognitiv eingeschränkten Akutpatienten (Alter: Ø 83 Jahre, DemTect: Ø 7) wurde anschließend die Patientenaktivität mittels Accelerometer-Sensoren (activPALTM) quantifiziert sowie Ursachen für Immobilität durch die Methode des behavioral mappings detailliert betrachtet sowie kategorisch analysiert.

Ergebnisse: Analysierte Interviewdaten weisen auf eine durch Krankenhausroutinen induzierte Inaktivität der Patienten von über 75% während der Wachzeit (7AM–8PM) hin. Sensordaten verdeutlichen diesen Eindruck mit durchschnittlich rund 1.500 Schritten und 31 Transfers täglich. Die Kategorisierung des Patientenverhaltens zeigt ein deutliches Übermaß an sedentärem Verhalten, das auch in Interaktionen mit Krankenhauspersonal und Angehörigen stattfindet. Durch die Beobachtung konnten darüber hinaus konkrete iatrogene Faktoren und Abläufe definiert werden.  

Schlussfolgerung: Für kognitiv beeinträchtigte Krankenhauspatienten hat bewegungsarmes Verhalten bereits kurzfristig enorme Negativkonsequenzen. Das aufgezeigte sedentäre Verhalten, das durch Krankenhausroutinen verstärkt zu werden scheint, stellt ein Problem dar und sollte mittels einer lebensstilintegrierten und funktionellen Trainingsintervention häufiger unterbrochen werden. Dafür sind routinemäßige Implementierungen von Bewegungsübungen in den Alltag aller Beteiligten empfehlenswert, um ressourcenschonend und effizient die Mobilität der Patienten zu steigern.

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