Donnerstag, 05.09.2019

15:45 - 17:15

Hörsaal 9

S123

Geriatrische Netzwerke - neue Versorgungswege der Geriatrie in Sachsen

Moderation: A. Wittrich, Berlin

Die zunehmende Zahl von Menschen über 70 inkl. der Themen sozialer Isolation, Pflegebedarf und Demenz bei gleichzeitiger Abnahme potentiell pflegender professioneller und innerfamiliär helfender Menschen bedeuten eine zunehmende Herausforderung für die sozialen Sicherungssysteme im Alter. Gerade in Sachsen mit einem der höchsten Altenquotienten spielt dieses Thema auch in den nächsten Jahren eine große Rolle einschließlich der damit verbundenen ansteigenden Kosten.

Strategische Lösungsansätze für Sachsen vermittelt das 2010 gemeinsam mit verschiedenen Akteuren im Gesundheits- und Sozialwesen erstellte sächsische Geriatriekonzept, wo erstmals die Etablierung von geriatrischen Zentren festgeschrieben wurde, deren Hauptziel die Sicherung eines möglichst langen selbstständigen Lebens im gewohnten Umfeld darstellt.

Aspekte der gesundheitlichen und wohnortnahen effizienten medizinischen Versorgung bis zur Zusammenarbeit mit ambulanten Leistungserbringern über zu definierende Schnittstellen auch den quartiersnahen Bereichen sowie Prävention und Gesundheitsförderung sollen damit wiederholte stationäre Einweisungen sowie Pflegebedarf verringern bzw. vermindern.

Als ersten Schritt der Umsetzung dieses Geriatriekonzeptes entstanden in Sachsen 4 geriatrische Modellregionen mit entsprechenden geriatrischen Netzwerken, die aktuell in Zentren für altersmedizin überführt wurden, wo im Symposium ein Überblick zu bisherigen Lösungsansätzen, Aktivitäten, Schwierigkeiten und Perspektiven dieser Netzwerkarbeit gegeben wird.

Dr. Zeller (Zentrum für Altersmedizin des Städtischen Klinikums Görlitz) beschreibt 7 Jahre Pilotarbeit der modellhaft entwickelten geriatrischen Versorgungsnetzwerke in Sachsen und zeigt evaluierte Mittel und Wege dieser Arbeit mit dem Schwerpunkt im ostsächsischen Raum.

Frau Feist (Gesundheitswissenschaftlerin) stellt ein validiertes Screeningtools für geriatrische Notfall- und Elektivpatienten vor.

Frau Dr. Vodenitscharov (Zentrum für Altersmedizin der Fachkliniken für Geriatrie Radeburg) berichtet von einem spezifischen Versorgungspfad für sturzgefährdete Patienten in Anlehnung an den sächsischen allgemeinen geriatrischen Versorgungspfad.

Dr. Sultzer (Zentrum für Altersmedizin der Sana Kliniken Leipziger Land) stellt Aufgaben und konzeptionelle Inhalte der neu etablierten Zentren für Altersmedizin mit dem Ziel einer landesweit abgestimmten geriatrischen Versorgungslandschaft vor.

15:45
Modelle geriatrischer Versorgungsnetzwerke in Sachsen 2011-2018
S123-01 

S. Zeller; Görlitz

Mit Blick auf das im Geriatriekonzept des Freistaates Sachsen erklärte Ziel, möglichst flächendeckende qualitativ hochwertige und auf jeweiligen Bedürfnissen des einzelnen Patienten abgestellte geriatrische Versorgung aufzubauen, wurden in Sachsen im Zeitraum 2011-2018 an vier Standorten Modelle geriatrischer Versorgungsnetzwerke (GeriNet Leipzig, Geriatrienetzwerk_C Chemnitz, Geriatrienetzwerk Ostsachsen, GerN Radeburg) erprobt. Der Prozess der Netzwerkbildung wurde durch vier Leiteinrichtungen (grundsätzlich Kliniken für Akutgeriatrie), die innerhalb der regionalen Netzwerke eine koordinierende Funktion übernahmen, wesentlich unterstützt.

Im Fokus der Netzwerkarbeit stand die sektorenübergreifende medizinische und therapeutische Versorgung, inklusive der Prävention und Gesundheitsförderung von älteren Menschen mit Risikoprofil. Die Netzwerkaktivitäten haben in der Modellphase zur Verbesserung der Versorgungsqualität und zu einem effektiven Ressourceneinsatz im Bereich der geriatrischen Versorgung beigetragen.

Die Modellprojekte wurden durch die Krankenkassen sowie durch das Sächsische Staatsministerium für Soziales und Verbraucherschutz gefördert. Der Aufbau der regionalen geriatrischen Versorgungsnetzwerke wurde in der Projektphase wissenschaftlich begleitet und evaluiert. Vor dem Hintergrund der Ergebnisse der Evaluation wurden alle Netzwerke zum 01.09.2018 in Zentren für Altersmedizin eingebunden, um die sich im Aufbau befindenden geriatrischen Versorgungsstrukturen weiterzuentwickeln.

Der Beitrag „Modelle geriatrischer Versorgungsnetzwerke in Sachsen 2011-2018“ beschreibt den Prozess von der Gründung bis zur Etablierung der geriatrischen Netzwerken sowie die zukünftigen Auswirkungen auf die Versorgung der Bevölkerung in Sachsen und beschäftigt sich mit der besonderen Situation in einer ländlichen, strukturschwachen Region.

16:05
Validierung eines Kurzscreenings zur Identifikation geriatrischer Risikopotentiale – Überblick, Ergebnisse, Ausblick
S123-02 

B. Feist; Leipzig

Die rechtzeitige Identifizierung geriatrischer Risikopotentiale setzt Kenntnis vordefinierter altersspezifischer und individuell feststellbarer Limitationen und Ausprägungen mit ausgewiesenem Einfluss auf unerwünschte Ergebnisse wie prolongierte Verweildauer, Komplikationen, Verschlechterung der Lebensqualität und Tod in der akut und elektiv initiierten stationären Krankenhausversorgung voraus und dient im Sinne eines direkten Patientennutzens als wichtiger Ansatzpunkt für strategische Maßnahmen der qualitativen, quantitativen und sektorenübergreifenden Prozessverbesserung.

Das Testinstrument GeriNOT (7 Items, Score 9 Punkte) wird anhand prozessproduzierter Routinedaten aus einer retrospektiven Vollerhebung (Mai 2014 bis April 2015) in 2.541 Fällen auf seinen Prädiktionsgehalt und seine diagnostische Güte bei Personen ab 70 Jahren geprüft. Logistische Regressionsanalysen klären bei einem Vertrauensbereich von 95% über die Parameterschätzung je Outcome im Modell auf.

Das mittlere Alter ± SD beträgt 77,0 ± 6,4 Jahre. Die Regressionsanalysen erbringen in den einzelnen beobachteten Prüfpunkten signifikante bis höchst signifikante Effektnachweise. Die Prädiktionskraft des Testinstruments wird anhand von ROC-Analysen bei einem für die diagnostische Praxis empfohlenen Cut-Off-Wert von ≥ 4 Punkten in 2.541 Fällen in den Endpunkten Verschlechterung der Lebensqualität (AUC=0,693, 95%-KI=[0,663; 0,723] Sensitivität 75,2%, Spezifität 59,7%); Komplikationen (AUC=0,662, 95%-KI=[0,636; 0,688] Sensitivität 64,2%, Spezifität 61,6%); Tod (AUC=0,734, 95%-KI=[0,682; 0,786] Sensitivität 76,4%, Spezifität 57,5%); die prolongierte Verweildauer (länger als obere Grenzverweildauer) bei einem Cut-Off-Wert von ≥ 3 Punkten in 1.638 Fällen (AUC=0,615, 95%-KI=[0,581; 0,649] Sensitivität 71,2%, Spezifität 48,4%) berichtet. Dies deutet darauf hin, dass GeriNOT für die prognostische Vorhersage patientenrelevanter Outcomes bei älteren Personen im stationären Krankenhaussetting geeignet ist. Das Testinstrument kann zum Aufnahmezeitpunkt eine erste Filterfunktion zur Identifikation geriatrischer Risikopotentiale bereitstellen; Assessmentverfahren oder die ausführliche Diagnostik werden nicht ersetzt.

16:25
Regionaler Versorgungspfad für geriatrische Patienten mit Sturzsyndrom – Konzept und erste Ergebnisse
S123-03 

S. Vodenitscharov; Radeburg

Der sektorenübergreifende Spezialpfad für geriatrische Patienten mit Sturzsyndrom ist ein Aspekt der nachhaltigen Etablierung von Versorgungsstrukturen für ältere Menschen in der Region. Die Analyse der Versorgungssituation für geriatrische Patienten ergab Defizite im Bereich der Prävention und der spezialisierten ambulanten geriatrischen Versorgung. Dieser Teil des Symposiums greift den Bereich der spezifischen Präventionskurse sowie Behandlungs- und Versorgungspfade für ältere Menschen auf. Der „Regionale Versorgungspfad für geriatrische Patienten mit Sturzsyndrom“ sieht eine risikostratifizierte bedarfsorientierte Versorgung aller älteren Menschen vor.

Im Rahmen einer Pilotstudie konnte die qualitätsgesicherte Versorgung im ambulanten Setting für die Zielgruppe mit spezifischen Bedarfen (Sturzsyndrom) in ihrer Effektivität in Bezug auf funktionelle und subjektive Gesundheit untersucht werden. Das Präventionskurskonzept wurde innerhalb dieser Studie durch die Untersuchung einer Präventions- und Kontrollgruppe erprobt und in seiner Wirksamkeit bestätigt.

Zur erfolgreichen Implementierung präventiver Kurse von sturzgefährdeten älteren Menschen in der Region konnten im Anschluss Weiterbildungsprogramme zum Sturzpräventionstrainer für Physio- und Ergotherapeuten sowie Sportwissenschaftler, die sich Fachwissen für die Arbeit mit Senioren aneignen wollen, durchgeführt werden. Die Teilnehmer der Weiterbildung erwerben spezielles Wissen zum Thema Gangsicherheit und sind befähigt, nach der Einweisung, das von der Zentralen Prüfstelle Prävention (ZPP) zertifizierte Programm „Standfest im Alltag“ durchzuführen. Auf Basis der Vermittlung des evidenzbasierten Konzepts etablieren ausgebildete Übungsleiter diesen Präventionskurs in der Region und darüber hinaus. Regelmäßig stattfindende Qualitätszirkel ermöglichen zudem einen fachlichen Austausch der geschulten Therapeuten und Kooperationspartner.

16:45
Zentren für Altersmedizin in Sachsen – Aufgaben und Konzepte
S123-04 

R. Sultzer, S. Vodenitscharov, S. Zeller, M. Forbrig; Zwenkau, Radeburg, Görlitz, Chemnitz

Nach einem gelungenen Aufbau geriatrischer Versorgungsnetzwerke innerhalb von Modellprojekten in vier sächsischen Regionen wurden fünf geriatrische Kliniken im Rahmen der Krankenhausplanung Sachsens 2018 als Zentren für Altersmedizin ausgewiesen.

Damit verbunden ist der Auftrag einer überörtlichen und krankenhausübergreifenden Aufgabenwahrnehmung, um flächendeckende geriatrische Versorgungsstrukturen insbesondere auch in Kliniken ohne eigene geriatrische Fachabteilung aufzubauen und weiterzuentwickeln und Schnittstellen der verschiedenen Versorgungsebenen optimaler zu gestalten.

Das Vorhalten und die Entwicklung geriatrischer Netzwerke inklusive deren Management ist dabei obligat und bietet über eine sachsenweite Zusammenarbeit die Möglichkeit einer flächendeckenden nachhaltigen Verbesserung geriatrischer Versorgungsabläufe inklusiver präventiver Ansätze.

Hauptaufgabe der Zentren ist die Verbesserung der gesundheitlichen Versorgung geriatrischer Patienten, die Tätigkeit als Leiteinrichtung von Geriatrienetzwerken und die Vernetzung medizinischer Leistungserbringer im ambulanten, teilstationären, stationären und rehabilitativen Bereich zwecks Verbesserung der Versorgungsqualität und einem effektiven Ressourceneinsatz im Bereich der geriatrischen Versorgung.

Schwerpunktmäßig besteht die Aufgabe, fachübergreifende Behandlungskonzepte und Versorgungspfade zu erstellen, standardisierte Prozesse zu etablieren, Fort- und Weiterbildungsangebote für medizinisches Fachpersonal und einen Wissenstransfers zu Patienten und deren Angehörigen vorzuhalten.

Entsprechend dem höheren Bedarf an notwendigem Betreuungsmanagement geriatrischer multimorbider Menschen ist eine optimale Patientensteuerung mit der Vermittlung individueller Versorgungsmöglichkeiten unter Einbeziehung technologischer Innovationen anzustreben.

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