Donnerstag, 05.09.2019

10:10 - 11:40

Hörsaal 4

S111

Sarkopenie: Neues aus Klinik und Wissenschaft

Moderation: J. M. Bauer, Heidelberg; M. Drey, München

Nachdem seit Januar 2018 die Möglichkeit besteht die Sarkopenie auch im deutschen ICD-10-GM System zu kodieren, und im September 2018 revidierte europäische Kriterien zur Definition der Sarkopenie erschienen sind, soll dieses Symposium über Neues zur Sarkopenie aus Klinik und Wissenschaft informieren.

Dabei sollen Daten einer neuen Metaanalyse zu Ernährungsinterventionen bei Sarkopenie vorgestellt werden. Des weiteren wird über die Ergebnisse der Validierung der deutschen Version des SARC-F berichtet. Auch grundlagenwissenschaftliche Erkenntnisse des myozellulären Stoffwechsels bei Hüftfrakturpatienten mit Sarkopenie wird dieses Symposium enthalten.

10:10
Update des SPRINTT Projekts: Sarcopenia and Physical fRailty IN older people: multi-componenT Treatment strategies
S111-01 

E. Freiberger, C. C. Sieber, R. Kob; Nürnberg

Einleitung: Der Erhalt der Funktionalität im Alter rückt immer mehr in den Mittelpunkt der geriatrischen Forschung. Ein wichtiger Faktor der Selbständigkeit im Alter ist die Mobilität. Einschränkungen in der Mobilität gehen einher mit negativen Ereignissen wie z.B. Krankenhauseinweisungen oder Stürzen. Das IMI SPRINTT Projekt hat als primäre Ziel der Intervention ist der Erhalt bzw. die Verbesserung der Mobilität, operationalisiert durch den 400 Meter-Gehtest. Das Institut für Biomedizin des Alterns ist der deutsche Partner dieses Konsortiums in dieser Phase III multizentrischen, einfach-verblindeten, randomisierten und kontrollierten Studie.

Methode: Eingeschlossen wurden i) selbständig lebende Menschen, ii) ≥70 Jahren, iii) die fähig waren 400 Meter in < 15 min zu gehen, iv) funktionelle Einschränkungen aufwiesen (Short Physical Performance Battery (SPPB)  3-7 (80%), 8-9 (20%) und v) eine geringe DXA-gemessene appendikuläre Skelettmuskelmasse hatten (Total: < 19,75kg, < 15,02 kg; BMI-adjustiert: <0,789, <0,512). Die, der Interventionsgruppe zugeteilten, Teilnehmer (n=62) absolvieren ein, in der Intensität moderat-intensives, strukturiertes Training mit mehreren Komponenten (Ausdauer, Kraft, Gleichgewicht: 2x60 Minuten/Woche unter Supervision & 3x30 Minuten/Woche Heimtraining). Zusätzlich erhalten sie mindestens 1x/Jahr eine individualisierte Beratung zu Ernährung und körperlicher Aktivität. Die Teilnehmer der Kontrollgruppe (n=61) nehmen, im Sinne der Hilfe zur Selbsthilfe an einem Schulungsprogramm teil (Vorträge über Gesundheit im Alter, Übungen für Gedächtnistraining 2x60 Minuten/Monat, jeweils 10 Minuten Stretching der oberen Extremitäten).

Ergebnisse: Insgesamt wurden im SPRINTT Projekt 1519 Teilnehmer eingeschlossen. Davon hatten 1205 einen SPPB Wert unter 8 und 314 Teilnehmer hatten einen SPPB Score von > 8. In die deutsche SPRINTT Kohorte wurden 123 Teilnehmer eingeschlossen. Der Altersdurchschnitt betrug in der gesamten SPRINTT Kohorte 79 Jahre (SD 5.8) und der Frauenanteil lag bei 71%. Die Ganggeschwindigkeit zeigt mit 0.73 m/s die eingeschränkte Funktionalität der SPRINTT Teilnehmer in der Baseline Testung.

Diskussion: Die Baseline Daten zeigen, dass es sich um eine funktionell eingeschränkte Gruppe älterer Menschen handelt. Der Vortrag wird weitere Erkenntnisse aus der laufenden Studie beinhalten.

10:30
Metabolisch-energetische Profile in Myoblastenkulturen von sarkopenen Patienten
S111-02 

L. A. Baber, F. Tanganelli, S. Jarmusch, F. Hofmeister, C. Neuerburg, S. Mehaffey, S. Hintze, P. Meinke, B. Schoser, M. Drey; München

Hintergrund: Sarkopenie stellt eine häufige Erkrankung im Alter dar und kann zu Stürzen und Fragilitätsfrakturen führen. Unklar ist, inwiefern der Stoffwechsel in der Muskelzelle bei sarkopenen Patienten mit proximalen Femurfrakturen beeinträchtigt ist.

Methode: Von 38 Patienten (mittleres Alter: 81 Jahre, 26 Frauen), die aufgrund einer proximalen Femurfraktur eine operative Versorgung mittels Osteosynthese oder Endoprothesenimplantation erhielten, wurden Muskelbiopsien des M. vastus lateralis entnommen und untersucht. Die Myoblasten aus primären Zellkulturen der entnommenen Biopsate wurden mit Hilfe eines Seahorse XFp Analyzers hinsichtlich der mitochondrialen Atmung und Glykolyse analysiert. Die Patienten erhielten eine isometrische Handkraftmessung und eine Bestimmung der Muskelmasse mittels bioelektrischer Impedanzanalyse, womit gemäß den Kriterien der EWGSOP 2 ein Z-Score als Maß für den Sarkopeniegrad errechnet wurde. Mithilfe der Regressionsanalyse wurden die Daten ausgewertet und mit einem p- Wert < 0.05 als signifikant angesehen.

Ergebnisse: Es zeigte sich eine signifikante Assoziation zwischen dem Sarkopeniegrad und der glykolytischen Kapazität (β= -0.386 p=0.020) bzw. der glykolytischen Reserve (β= -0.497 p=0.002). Dieser Zusammenhang blieb auch nach Adjustierung für das Alter der Patienten bestehen. Der Effekt war für Frauen stärker ausgeprägt als für Männer.

Diskussion: Sarkopenie scheint mit einer Einschränkung der metabolisch-energetischen Glykolyse einherzugehen. Ob der Effekt tatsächlich geschlechtsabhängig ist, lässt sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht entscheiden, da die hier vorgestellte Kohorte aus nur 12 Männern bestand. Sollten sich unsere Ergebnisse bestätigen, ergäben sich neue Ansätze für therapeutische Interventionen der Sarkopenie.

10:50
Ernährungsinterventionen zur Sarkopenie-Behandlung – Projektvorstellung einer bei der Cochrane Collaboration registrierten systematischen Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
S111-03 

S. Goisser, S. Seide, J. M. Bauer, K. Jensen, A. Cruz-Jentoft, T. Cederholm, C. Becker, M. Schwenk, P. Benzinger; Heidelberg, Madrid/E, Uppsala/S, Stuttgart

Nach aktuellem Wissensstand stellen Ernährungsmaßnahmen alleine oder in Kombination mit Bewegungs- und Trainingsinterventionen erfolgreiche Ansätze zur Sarkopenie-Behandlung dar. Eine ausreichende Versorgung mit Proteinen scheint dabei wichtig zu sein; die Rolle anderer in den Muskelstoffwechsel involvierter Ernährungsfaktoren (z.B. β-Hydroxy-β-Methylbutyrat, Kreatin, Vitamin D, Antioxidanzien, Omega-3-Fettsäuren) wird noch kontrovers diskutiert. Bislang existiert zu diesem Themengebiet kein nach Cochrane-Qualitätsstandards durchgeführtes systematisches Review. Ziel dieses vom BMBF geförderten Projekts ist es, im Rahmen einer systematischen Übersichtsarbeit und Meta-Analyse den Effekt von Ernährungsinterventionen (alleine oder kombiniert mit Bewegungs- und Trainingsprogrammen) auf Sarkopenie-assoziierte Endpunkte zu bestimmen. Dazu werden wir im Rahmen einer nach Cochrane-Standards durchgeführten Literaturrecherche in relevanten wissenschaftlichen Datenbanken alle derzeit verfügbaren randomisierten kontrollierten Studien identifizieren, welche Ernährungsinterventionen alleine oder kombiniert mit Bewegungs- und Trainingsprogrammen einsetzen. Eingeschlossen werden nur Studien, deren Teilnehmende nach den aktuellen Konsensus-Definitionen als sarkopen diagnostiziert wurden (d.h. Vorliegen von verminderter Muskelmasse in Kombination mit  verminderter Muskelkraft und/oder Muskelfunktion). Die methodische Qualität der Arbeiten wird standardisiert über das „Cochrane Collaboration tool for assessing the risk of bias in randomized trials” ermittelt und die Ergebnisse werden zur Ermittlung des Evidenzlevels anhand des GRADE-Systems herangezogen werden. Für alle primären und sekundären Endpunkte werden wir eine Reihe von Meta-Analysen durchführen. Im Fokus werden dabei neben physiologischen Parametern wie Muskelkraft, funktioneller Leistung und Muskelmasse vor allem patientenrelevante Endpunkte wie Mobilität, Selbständigkeit in den alltäglichen Verrichtungen, Erschöpfung, Stürze, Lebensqualität, Institutionalisierung und Mortalität stehen. Außerdem werden wir potentielle unerwünschte Effekte der Interventionen betrachten. Das Projekt wird aktuell durchgeführt, beim DGG-Kongress wird der Stand des Vorhabens vorgestellt werden. Die im Rahmen des Projekts generierten Informationen können zukünftig den gezielten Einsatz von Interventionsprogrammen mit der besten Evidenz fördern und so zu einer effektiveren und besseren Versorgung von Sarkopenie-Patient*innen beitragen.

11:10
Sarkopenie Screening: die deutsche Version des SARC-F
S111-04 

U. Ferrari, M. Drey, M. Schraml, W. Kemmler, D. Schöne, C. C. Sieber, A. Franke, E. Freiberger, R. Kob; München, Erlangen, Nürnberg

Einleitung: Der SARC-F ist ein auf 5 Fragen basierender Screening-Fragebogen für Sarkopenie. In mehreren Ländern und Sprachen wurde der Fragebogen bereits validiert. Wir stellen die Reliabilität und Validierungsergebnisse der deutschen Version des SARC-F hinsichtlich der EWGSOP2 Kriterien zur Sarkopeniediagnostik vor.

Methodik: Nach Vorgaben des internationalen Validierungsprotokolls wurde in der ersten Phase die Hin- und Rückübersetzung des SARC-F durchgeführt und die interne Konsistenz (Cronbach’s α) und Test-Retest-Reliabilität (ICC und Cronbachs kappa) ermittelt. In der zweiten Phase erfolgte die klinische Validierung. Dazu wurden in einer Querschnittsstudie Patienten von zwei Standorten im ambulanten Bereich i) mit dem SARC-F Fragebogen gescreent (positiv ≥4 Punkte) und ii) mittels Chair Rise [s], Handkraft [kg], Ganggeschwindigkeit [m/s] und DXA basierten Skelettmuskelindex (SMI) [kg/m²] die klinische Diagnose der Sarkopenie nach EWGSOP2 Kriterien durchgeführt und Sensitivität und Spezifität berechnet.

Ergebnisse: 117 Probanden (80,3 % Frauen) mit einem mittleren Alter von 79,1±5,2 Jahren wurden in die Analysen eingeschlossen. Die interne Konsistenz lag bei 0,672, die Test-Retest-Reliabilität bei 0,9. 54% (n=63) zeigten einen Score ≥4 Punkten. Von diesen war im Vergleich zu den negativ Gescreenten ein signifikanter Unterschied im Anteil der Patienten mit Sarkopenie (p<0,001) als auch hinsichtlich der Einzelparameter der Muskeluntersuchung (Chair Rise (p<0,001), Handkraft (p=0,005), Ganggeschwindigkeit (p<0,001)), jedoch nicht des SMI (p=0,385). Sensitivität und Spezifität betrugen 0,75 und 0,49. Die SARC-F positiven wiesen einen niedrigeren SPPB Score (p<0,001) und einen geringeren Score der Lebensqualität ermittelt über die EQ5D-VAS (p<0,001)) auf. Dagegen unterschieden die Gruppen sich nicht signifikant in den Baselineparametern wie Alter, Geschlecht, BMI, Wohnsituation, Schulabschluss oder finanzieller Situation.

Diskussion: Bei der Adaptation an die deutsche Sprache zeigte sich, dass der SARC-F Fragebogen eine hohe Test-Retest Reliabilität bei akzeptabler interner Konsistenz aufweist. Die Sensitivität des Fragebogens war höher als die Spezifität. Aufgrund der geringen Belastung der anschließenden Sarkopeniediagnostik, ist dies jedoch vertretbar. Der SARC-F ist somit ein geeignetes Screening-Instrument zur Identifikation von Patienten mit Sarkopenie.

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