Donnerstag, 05.09.2019

15:45 - 17:15

Hörsaal 11

S124

Schmerzmanagement bei älteren Pflegebedürftigen in der häuslichen Versorgung

Moderation: D. Dräger, Berlin

Die aktuelle Pflegestatistik zeigt, dass 3,4 Millionen Menschen in Deutschland pflegebedürftig sind und davon ca. 1,76 Millionen durch Angehörige in der eigenen Häuslichkeit versorgt werden. 81% der Pflegebedürftigen sind 65 Jahre und älter (Statistisches Bundesamt 2018). Schmerz ist ein bekanntes Phänomen in dieser Altersgruppe. International wird von einer Prävalenzrate von bis zu 50 Prozent für ambulant versorgte ältere Menschen (≥ 60 Jahre) mit chronischen Schmerzen berichtet. Eine erste deutsche Studie mit auskunftsfähigen Pflegebedürftigen in der Häuslichkeit ermittelte eine Prävalenzrate von knapp 70 Prozent (Leiske et al. 2015). Umfassende Informationen zum Schmerzgeschehen sowie zum (nicht-) pharmakologischen Schmerzmanagement lagen bisher für Deutschland nicht vor.

Im Mittelpunkt des Symposiums steht das Schmerzgeschehen und das medizinisch/ pflegerische Schmerzmanagement bei älteren Pflegebedürftigen, die in der eigenen Häuslichkeit leben und durch Angehörige und/oder professionelle Pflegedienste betreut werden. Vier Beiträge zeigen aktuelle Ergebnisse einer Studie, die bei 355 älteren ambulant versorgten Pflegebedürftigen (≥65 Jahre) in Berlin durchgeführt wurde. Neben der komplexen Erfassung des Schmerzgeschehens in der Zielgruppe (mit und ohne kognitive Einschränkungen) wurden Faktoren der pflegerischen und ärztlichen Gesundheitsversorgung analysiert.

Im ersten Beitrag werden erstmals für Deutschland detaillierte Angaben zu Schmerzintensität, zu Schmerzfolgen und ihren Einflussfaktoren bei in der Häuslichkeit lebenden schmerzbetroffenen Pflegebedürftigen vorgelegt. Der zweite Beitrag gibt einen Überblick zum Schmerzgeschehen bei nicht-auskunftsfähigen ambulant versorgten Pflegebedürftigen und diskutiert Herausforderungen und Lösungen der Schmerzerfassung in diesem Setting. Das pharmakologische Schmerzmanagement in der Zielgruppe und die Angemessenheit der ärztlichen Schmerzmedikation werden im dritten Beitrag vorgestellt und diskutiert. Der vierte Beitrag fokussiert abschließend Schnittstellen zwischen professionell Pflegenden, (Haus-) Ärzten und pflegenden Angehörigen hinsichtlich der Versorgung chronischer Schmerzen bei Pflegebedürftigen in der eigenen Häuslichkeit.

Insgesamt geben die Ergebnisse des Symposiums Hinweise auf dringend notwendige pflegerische, therapeutische und pharmakologische Maßnahmen zur Optimierung des Schmerzmanagements für ambulant versorgte ältere pflegebedürftige Menschen.

15:45
Schmerzen und Schmerzfolgen bei auskunftsfähigen ambulant versorgten Pflegebedürftigen – Handlungsbedarf für eine unterversorgte Patientengruppe
S124-01 

D. Dräger, A. Budnick, R. Kreutz; Berlin

Ausgangslage: Chronischer Schmerz ist ein häufiges Symptom in der Altersgruppe ältere Menschen. Deren Prävalenz liegt mit einem Durchschnittsalter von 75 Jahren bei bis zu 75 Prozent. Bei Pflegebedürftigen in Europa werden Prävalenzen von 60 Prozent und in Deutschland von 50 bis zu 68 Prozent angegeben. Degenerative Gelenkerkrankungen (z.B. Arthrose) bzw. muskuloskelettale Ursachen stellen im Alter die häufigsten Auslöser für chronische Schmerzen da. Verschiedene Schmerzfolgen wie Immobilität, Bewegungsängste und Sturzangst werden international berichtet. Umfassende Informationen zum Schmerzgeschehen sowie zu Schmerzfolgen lagen bisher für ambulant versorgte Pflegebedürftige in Deutschland nicht vor.

Methoden: Die Ergebnisse basieren auf Angaben aus persönlichen standardisierten Interviews von 225 auskunftsfähigen älteren ambulant versorgten Pflegebedürftigen (≥65 Jahre), die in ihrer Häuslichkeit in Berlin aufgesucht wurden (ACHE-Studie). Die Schmerzsituation und Schmerzfolgen wurde mit dem Brief Pain Inventory (BPI-NH) erfasst und die Analysen unter Berücksichtigung verschiedener unabhängiger Variablen, wie Depression (DIA-S-Score), Alter, Geschlecht, Pflegegrad und Selbstständigkeit (Barthel-Index) durchgeführt.

Ergebnisse: Erste Analysen zur Schmerzintensität zeigen beim BPI-Intensitäts-Index einen Mittelwert von M = 4.81 (SD ± 1,88) (Range 0,75 – 10). Der BPI-Folgen-Index erreicht einen Mittelwert von M = 5,47 (SD ± 2,15) (Range 0 – 10). Hohe Ausprägungen der Schmerzfolgen betreffen insbesondere allgemeine Aktivitäten, die Belastbarkeit und das Gehvermögen können aber auch im Hinblick auf die Stimmungslage der älteren Pflegebedürftigen festgestellt werden. Verschiedene Einflussfaktoren werden nach weiteren Analysen vorgestellt.

Schlussfolgerungen: Erste Ergebnisse zu Schmerzintensität und Schmerzfolgen verweisen auf eine hohe Bedeutsamkeit des chronischen Schmerzes in der Gruppe älterer Pflegebedürftiger, die in der Häuslichkeit leben und einen dringend notwendigen medizinisch-geriatrischen Versorgungsbedarf für die Zielgruppe.

16:05
Schmerzgeschehen bei nicht-auskunftsfähigen ambulant versorgten Pflegebedürftigen – Welche Herausforderungen sind zu bewältigen?
S124-02 

A. Budnick, A. Wenzel, J. Schneider, R. Kreutz, D. Dräger; Berlin

Ausgangslage: Aufgrund einer demenziellen Erkrankung oder anderer gesundheitlicher Einschränkungen sind ältere Menschen häufig nicht mehr auskunftsfähig. In Deutschland sind ca. 1,6 Millionen Menschen von einer demenziellen Erkrankung betroffen. Ein Großteil davon lebt in der eigenen Häuslichkeit und wird von Angehörigen versorgt. Dabei ist die Versorgung chronischer Schmerzen eine wichtige Aufgabe.  In der Allgemeinbevölkerung ist ca. die Hälfte der ab 65-Jährigen von chronischem Schmerz betroffen. Die Selbstauskunft ist bekanntermaßen der Goldstandard zur Schmerzerfassung, jedoch ist dieses Vorgehen bei nicht-auskunftsfähigen Menschen nicht möglich. Daten liegen zum Schmerzgeschehen bei ambulant versorgten nicht-auskunftsfähigen Pflegebedürftigen für Deutschland bisher nicht vor. Ziel des Beitrags ist, das Schmerzgeschehen in der Zielgruppe vorzustellen und dabei auf Spezifika der Schmerzerfassung im ambulanten Setting einzugehen.

Methoden: Die Studienteilnehmer*innen waren ≥ 65 Jahre, von chronischen Schmerzen betroffen, pflegebedürftig nach SGB XI, ambulant versorgt und nicht-auskunftsfähig. Zur Erfassung des kognitiven Status wurde der Mini-Mental-Status Test eingesetzt. Das Schmerzgeschehen wurde im Querschnitt durch Fremdeinschätzung mit dem Instrument zur Beurteilung von Schmerz bei Demenz (BESD) bei 81 nicht-auskunftsfähigen Pflegebedürftigen erfasst.

Ergebnisse: Die Studienteilnehmer*innen sind hochaltrig (M±SD, 84,2±1,9 Jahre, Range 72,0 – 98,0). Die Beobachtung des Schmerzgeschehens während routinemäßiger pflegerischer Handlungen stellte im ambulanten Setting eine Herausforderung dar. Im Ergebnis unterschieden sich die Schmerzbeobachtungen in Ruhe und unter Mobilisation signifikant (p=.001). Zudem wurden Unterschiede zwischen den Personen, die die Schmerzbeobachtung durchführten, ermittelt.

Schlussfolgerung: Die Erfassung des Schmerzgeschehens in der Zielgruppe ist eine Herausforderung für professionell Pflegende, da die Selbstauskunft nicht möglich ist und ein Beobachtungsinstrument eingesetzt werden muss. Die Beobachtung ist während routinemäßiger Mobilisation angeraten, jedoch aufgrund zeitlicher und personeller Ressourcen in der ambulanten Pflege oftmals nicht durchführbar. Neben den skizzierten Herausforderungen werden Lösungsvorschläge für das ambulante Setting im Vortrag präsentiert.

16:25
Pharmakologisches Schmerzmanagement bei (nicht-)auskunftsfähigen ambulant versorgten Pflegebedürftigen - Ist die ärztliche Schmerzmedikation angemessen?
S124-03 

J. Schneider, A. Budnick, A. Wenzel, D. Dräger, R. Kreutz; Berlin

Ausgangslage: Schmerz ist ein Problem in der älteren Bevölkerung. In Europa leiden mehr als die Hälfte der über 75-Jährigen täglich unter mäßigen bis starken Schmerzen. Die Schmerzprävalenz älterer auskunftsfähiger Menschen in der ambulanten Pflege in Deutschland liegt bei etwa 70%. Insbesondere bei geriatrischen Patienten ist es für den behandelnden Arzt schwierig, eine wirksame Schmerzbehandlung auszuwählen. Daten einer Berliner Studie in Pflegeheimen belegen, dass bei 76% der untersuchten Bewohner das Schmerzmanagement inadäquat ist. Für ältere ambulant versorgte Pflegebedürftige ist der Stand der Forschung hinsichtlich der ärztlichen Schmerzversorgung unzureichend geprüft. Ziel der vorliegenden Untersuchung ist es demzufolge, die ärztlich verschriebene Schmerzmedikation auf Qualität und Angemessenheit bei älteren ambulant versorgten Pflegebedürftigen (≥ 65 Jahre) mit und ohne kognitive Einschränkungen zu prüfen.

Methode: Daten zur Schmerzmedikation wurden basierend auf Selbstauskunft und vorliegenden Medikationsplänen systematisch durch das Instrument zur datenbankgeschützten Online-Erfassung von Medikamentendaten unter Nutzung der aktuellen Stammdatei des Wissenschaftlichen Instituts der AOK erhoben. Zur Beurteilung der Schmerzmedikation wurde die Pain Medication Appropriateness Scale (PMAS) genutzt und ausgewertet. Ein PMAS-Score (SPMAS) > 67% deutet auf eine adäquate Schmerztherapie hin. Der kognitive Status wurde mittels Mini Mental Status Test (MMST) ermittelt.

Ergebnisse: Zur Berechnung des SPMAS konnten Daten von 322 Pflegebedürftigen (mittleres Alter: 82,1 ± 7,4 Jahre) herangezogen werden. Weniger als ein Fünftel (18,0%) der ambulant versorgten Pflegebedürftigen erhalten eine angemessene Schmerzmedikation (SPMAS > 67%). Der mittlere SPMAS lag bei 44,3% ± 24,4%. Eine fehlende Bedarfsmedikation wird bei 29,9% beobachtet und ist signifikant mit einem niedrigeren SPMAS assoziiert (p<0.001). Vertiefende Analysen zur Angemessenheit der Schmerzmedikation werden im Vortrag dargelegt.

Schlussfolgerung: Es besteht dringender Handlungsbedarf, das pharmakologische Schmerzmanagement im beschriebenen Setting zu verbessern.

16:45
Schnittstellen zwischen professionell Pflegenden, Ärzten und pflegenden Angehörigen bei der Versorgung älterer schmerzbetroffener Pflegebedürftiger
S124-04 

A. Wenzel, A. Budnick, J. Schneider, R. Kreutz, D. Dräger; Berlin

Ausgangslage: Chronischer Schmerz ist ein komplexes Phänomen und die Versorgung bedarf eines interdisziplinären Schmerzmanagements, bei dem professionell Pflegende, Ärzte und pflegende Angehörige im Versorgungsprozess kooperieren. Derzeitige Rahmenbedingungen erschweren bzw. behindern die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen professionell Pflegenden und Ärzten (Osterbrink, 2013; Nestler, 2016). Ziel des vorliegenden Beitrags ist es, Schnittstellen im Schmerzmanagement zu betrachten und deren Auswirkungen auf die Versorgung chronischer Schmerzen im ambulanten Bereich aufzuzeigen.

Methoden: In die Untersuchung wurden 219 ambulant versorgte ältere Pflegebedürftige (≥65 Jahre) einbezogen und in standardisierten persönlich-mündlichen Interviews zu ihrem subjektiven Schmerzerleben sowie zum Schmerzmanagement befragt. Zudem konnten 63 Pflegedienstleitungen sowie 40 pflegende Angehörige zu Schnittstellen in der ambulanten Versorgung Pflegebedürftiger mit chronischen Schmerzen befragt werden.

Ergebnisse: Von den 219 Pflegebedürftigen beurteilen 31,1% die Schmerzsituation als nicht akzeptabel. Bei nicht akzeptabler Schmerzsituation wurde in der Hälfte der Fälle (51,5%) ein Arzt hinzugezogen. 52,0% der Probanden gaben an, innerhalb der letzten vier Wochen entweder von ihrer Pflegekraft oder von ihrem Arzt/ihrer Ärztin nach Schmerzen gefragt worden zu sein. Die Zusammenarbeit mit der Ärztin/dem Arzt wird aus Sicht der Angehörigen als durchschnittlich gut und aus der Perspektive des ambulanten Pflegedienstes nur als befriedigend bewertet. Weitere Ergebnisse zu Schnittstellen des pflegerisch-ärztlichen Schmerzmanagements werden im Vortrag präsentiert.

Schlussfolgerungen: Erste Ergebnisse zeigen, dass vor dem Hintergrund derzeitiger Rahmenbedingungen die Schnittstellenkommunikation in der Versorgung chronischer Schmerzen zwischen Pflegediensten und Ärzten/Ärztinnen unzureichend ist. Ziel sollte es sein, Rahmenbedingungen so zu verändern, dass derzeitige Probleme der Schnittstellenkommunikation eliminiert werden.

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