Freitag, 06.09.2019

17:00 - 18:30

Hörsaal 2

S231

Assessment

Moderation: S. Krupp, Lübeck; M. Jamour, Ehingen

Der interprofessionell genutzte „Werkzeugkasten“ des geriatrischen Assessments bezieht immer mehr Facetten ein, die für die Möglichkeiten älterer Menschen, ihr Leben zu gestalten, Bedeutung haben - und daher ggf. auch therapeutisch berücksichtigt werden sollten.

  1. L. Giesselbach plädiert für einen stärkeren Einbezug der Sprache und der Schluckfähigkeit in das Assessment bei Aufnahme in die stationäre Geriatrie.
  2. E. Freiberger lenkt das Augenmerk auf die Sturzangst als die Mobilität aktuell und prognostisch maßgeblich beeinflussenden Faktor.
  3. D. K. Wolter stellt Assessment-Instrumente vor, die hilfreich sind, um Suchtprobleme hinsichtlich des Konsums von Alkohol, Benzodiazepinen und Opioiden zu enttarnen.
  4. S. Strotzka referiert über seine im kognitiven Assessment älterer Migrant*innen gesammelten Erfahrungen.
  5. S. Krupp berichtet über die Entwicklung und Anwendungsmöglichkeiten der S1-Leitlinie „Geriatrisches Assessment der Stufe 2“, ihre Grenzen und künftige Optionen.
17:00
Das logopädische Eingangsassessment in der geriatrischen Komplexbehandlung
S231-01 

L. Giesselbach, S. Sommer; Bochum

Aufgrund aktueller demografischer Entwicklungen nimmt die Relevanz der Versorgung geriatrischer Patienten zu, die oftmals Störungen des Schluckvorgangs und der Kommunikation aufweisen. Die geriatrische (frührehabilitative) Komplexbehandlung ermöglicht eine interprofessionelle Versorgung dieser Patientengruppe. Zu Beginn dieser Behandlung wird ein geriatrisches Eingangsassessment gefordert, um daraus den Behandlungsplan abzuleiten. Dazu muss sichergestellt sein, dass alle funktionellen Dimensionen qualifiziert mit adäquaten Erhebungsinstrumenten gescreent werden. Obwohl von größter Bedeutung für die Teilhabe, werden Kommunikation und Schluckvorgang in der Versorgungspraxis jedoch nur selten gezielt bereits im Eingangsassessment logopädisch untersucht.

So konnten auch im Rahmen einer systematischen Literaturrecherche keine spezifischen Assessmentinstrumente für die Bereiche Kommunikation und Schlucken identifiziert werden, die speziell für die geriatrische Komplexbehandlung konzipiert sind. Aus diesem Grund wurden alternative logopädische Screening- und Diagnostikinstrumente hinsichtlich ihrer Anwendbarkeit im Handlungsfeld Geriatrie analysiert sowie logopädische Befundungsmöglichkeiten aus Assessmentinstrumenten für Kognition und Selbsthilfe abgeleitet.

Es zeigte sich, dass zum einen Instrumente zur Ermittlung von Kommunikations- und Schluckstörungen aus anderen logopädischen Behandlungskontexten genutzt werden können. Zum anderen lassen sich Elemente etablierter geriatrischer Assessmentinstrumente aus den Bereichen Selbsthilfefähigkeit, Kognition und Ernährung für die Ableitung logopädischer Informationen heranziehen. Anhand des MMST und des MoCA wird exemplarisch veranschaulicht, wie anhand der qualifizierten Auslegung ausgewählter Einzelitems sprachliche Funktionen orientierend eingeschätzt werden können. 
Zur Qualitätssicherung sind spezifische Anpassungen der Verfahren und Personalschulungen erforderlich. 

Für ein zukünftiges, möglichst spezifisches und sensitives logopädisches Eingangsassessment ist es darüber hinaus unabdingbar, eigens dafür Verfahren zu entwickeln und zu evaluieren.

17:15
Sturzbezogene psychologische Bedenken und Angst bei älteren Menschen
S231-02 

E. Freiberger; Nürnberg

Die Selbstständigkeit im Alter bei möglichst hoher Lebensqualität zu erhalten, gilt heute als einer der ersten Prioritäten in der gesellschaftlichen Herausforderung den demographischen Wandel zu bewältigen. Ein wesentlicher Baustein für diese Selbständigkeit ist die Mobilität. Diese Selbstständigkeit und Mobilität kann im Alter durch ein plötzliches Ereignis wie einen Sturz gefährdet sein. In Leitlinien zum Thema Sturz wird die Angst vor Stürzen als ein unabhängiger Risikofaktor für Stürze genannt. Bedenken zu Stürzen oder eine nicht angepasste Selbstwirksamkeit setzen negative Spiralen in Gang. Beides tritt bei geriatrischen Patient*innen auch häufig ohne vorheriges Sturzereignis auf und kann zu negativer Verhaltensänderung mit weiteren negativen Gesundheitseffekten führen wie z. B. einer Reduzierung der körperlichen Aktivität und nachfolgend einem schnelleren Verlust von motorischer Funktion.

In den aktuellen wissenschaftlichen Untersuchungen ist ein psychologisches Modell entwickelt worden um die sturzbezogenen psychologischen Bedenken und Angst bei älteren Menschen zu erfassen.

Im Vortrag des Symposiums „Assessment“ wird das international angewendete Instrument (Fragebogen FES-I) und eigene Daten zur Sturzangst bei älteren Menschen aus verschiedenen Forschungsprojekten (PreFAll, SPRINTT) vorgestellt.

17:30
Assessment von Suchtproblemen im Alter
S231-03 

D. K. Wolter; Bonn

Suchtprobleme finden bisher in der Altersmedizin nur wenig Beachtung, insbesondere sind sie bisher nicht Teil standardisierter Assessment-Algorithmen.

Suchtprobleme sind jedoch auch im Alter von Bedeutung, denn:

  • Riskanter Alkoholkonsum wird in den nachrückenden Alterskohorten immer häufiger,
  • die Verordnung von Opioidanalgetika weist allgemein eine stark ansteigende Tendenz auf,
  • während der Gebrauch von Benzodiazepinen auf hohem Niveau konstant bleibt.
  • Alle diese Substanzen besitzen mit zunehmendem Alter ein nicht unerhebliches Nebenwirkungs- und Interaktionspotenzial.

Es ist deshalb beim einzelnen Patienten wichtig, den Konsum zu erfassen und zu differenzieren zwischen Sucht/Missbrauch, gewohnheitsmäßigem riskantem Gebrauch und risikoarmem Konsum sowie (bei Medikamenten) indizierter Einnahme.

Der Vortrag stellt Assessmentinstrumente vor, die für diesen Zweck geeignet sind.

17:45
Kognitives Assessment für Migrantinnen und Migranten
S231-04 

S. Strotzka; Wien/A

Hintergrund: Im Gerontopsychiatrischen Zentrum der Psychosozialen Dienste Wien war im Kalenderjahr 2002 nur 1% der untersuchten Menschen in einem anderen Land aufgewachsen. Derzeit kommen etwa 20% Migrantinnen und Migranten zu den neuropsychologischen Untersuchungen.

Methodik: Auswahl geeigneter Testverfahren und Untersuchung der Frage, ob Migrantinnen und Migranten in den Tests anders abschneiden, als in Österreich geborene Menschen.

Ergebnisse: Als Testverfahren bewähren sich der bildungs- und kulturunabhängige „Schnelle Uhren-Dreier“, die „Mini Mental State Examination“ und der „Zehn-Wort-Test mit Einspeicherhilfe“. Für Menschen, die keine Chance auf Bildung hatten, gibt es den transkulturellen, nonverbalen „EASY-Test“. Obwohl MigrantInnen bei der Erstuntersuchung im Gerontopsychiatrischen Zentrum im Durchschnitt einige Jahre jünger sind als in Österreich aufgewachsene Menschen, kommen sie in einem deutlich fortgeschritteneren Demenzstadium zur Abklärung.

Schlussfolgerung: Bei Migrantinnen und Migranten der 1. Generation kommt es aufgrund migrationsspezifischer Belastungen, traumatischer Erfahrungen, mangelhafter finanzieller Ressourcen und unerfüllter Erwartungen früher zu Alterungsprozessen mit einem höheren Risiko, an einer Demenz zu erkranken. Das kognitive Assessment für MigrantInnen wird in Zukunft eine immer größere Bedeutung erlangen.

 

Strotzka S (2015) Kognitives Assessment für Migrantinnen und Migranten. Z Gerontol Geriat 48:10-14

18:00
Was kann die S1-Leitlinie „Geriatrisches Assessment der Stufe 2“ leisten – und was nicht
S231-05 

S. Krupp, H. Frohnhofen; Lübeck, Essen

Fragestellung: Es gibt immer mehr Instrumente für den Einsatz in den  Dimensionen Selbsthilfefähigkeit, Mobilität, Kognition, Emotionale Lage und Soziale Situation. Zusätzliche Dimensionen können mittels standardisierter Verfahren in ein Assessment einbezogen werden. Immer häufiger werden Instrumente von anderen Professionen als Ärzt*innen eingesetzt. Die Einführung neuer Assessment-Instrumente in den Routinebetrieb einer geriatrischen Klinik wird gehemmt sowohl durch eine angespannte Personalsituation als auch durch die Unsicherheit potenzieller Anwender hinsichtlich der Anerkennung des Verfahrens zur Erfüllung der Pflichtelemente geriatrischer frührehabilitativer Komplexbehandlung. Inwieweit kann die o.g. Leitlinie zu einer verbesserten Patientenversorgung beitragen?

Methode: Die Entwicklungsschritte, die zu der S1-Leitlinie „Geriatrisches Assessment der Stufe 2“ führten, werden erläutert, von den Empfehlungen der AGAST 1995 über die der AG Österreichisches Geriatrisches Basisassessment (ÖGBA), die gemeinsamen Vorarbeiten in der AG Assessment der DGG, die Gründung der Leitliniengruppe und das methodische Vorgehen bei der Auswahl und Charakterisierung der Instrumente bis zum aktuellen Stand der Rückmeldungen.

Ergebnisse: Die Anzahl der beschriebenen Instrumente hat sich von 10  (AGAST 1995) über 31 (ÖGBA 2011) auf 57 erhöht. Der wesentliche Schritt zur Verbesserung der Erkennung von Therapiebedarf und zum Dokumentieren von Verläufen kann jedoch nur getan werden, indem aus dem reichhaltiger bestückten „Werkzeugkasten“ individuell patientenzentriert ausgewählt wird. Dabei sollte berücksichtigt werden, ob therapierelevant betroffene Dimensionen identifiziert werden sollen (Assessment Stufe 2a) oder zusätzlich eine Beschreibung der Ausprägung einer Beeinträchtigung erforderlich ist (Assessment Stufe 2b).

Schlussfolgerung: Der effiziente Einsatz von Assessmentinstrumenten im Sinne personalisierter Diagnostik setzt einen anspruchsvollen interprofessionellen Entscheidungsprozess voraus. Ziel sollte die Entwicklung von innerhalb einer geriatrischen Versorgungseinheit standardisiert anzuwendenden Algorithmen sein, die sich unter Einbezug anamnestischer und klinischer Hinweise am Status der Patient*innen orientieren. Als Fließdiagramme dargestellt, kann die bedarfsgerechte Anwendung der auf Leitungsebene festgelegten Auswahl an Instrumenten sowohl zur Schulung des gesamten geriatrischen Teams als auch in der Kommunikation mit Kostenträgern verwendet werden.

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