Freitag, 06.09.2019

08:00 - 09:30

Hörsaal 11

S214

Freie Beiträge - Versorgungsformen

08:00
Interprofessionalität - neue Ausbildungsgänge und traditionelles „Behandlungsteam“
S214-01 

W. Hofmann, K. Flägel, S. Krupp, S. Kaminsky; Lübeck, Neumünster

Das Symposium „Team Operation“ der Robert Bosch Stiftung verzeichnete – einem Trend angelsächsischer und skandinavischer Länder folgend – im Jahr 2018 an 10 von 38 medizinischen Fakultäten Module, an denen Studierende der Medizin, Pflege und therapeutischen Berufsgruppen gemeinsam teilnahmen. Die Geriatrie war zum damaligen Zeitpunkt nur an einer der 10 genannten Standorte beteiligt – in Lübeck.

Der „Masterplan Medizinstudium 2020“ fordert eine Vermittlung multiprofessioneller Teamarbeit durch die Teilnahme nicht-ärztlicher und ärztlicher Studierender an gemeinsamen Lehrveranstaltungen (Bundesministerium für Bildung und Forschung). Die Robert Bosch Stiftung schlägt ein „Nationales Mustercurriculum interprofessioneller Zusammenarbeit und Kommunikation“ vor.

Bereits in den 1930/40er Jahren etablierte Marjorie Warren in London das geriatrische Behandlungsteam bestehend aus Arzt, Pflege Sozialarbeit, Physio- und Ergotherapie, um anerkannt erfolgreiche Behandlungs- und Versorgungsstrategien zur Umsetzung zu bringen. Sie legte besonders großen Wert auf die Teamfindung, -entwicklung und -schulung und richtete für diesen Zweck eine eigene Einheit ein, eine Schulstation.

Die moderne Entwicklung spiegelt beide Ansätze wieder: Erstens die Ebene universitärer Ausbildung und Zweitens die von Schulstationen in der Regelversorgung. Nach Angaben der Robert Bosch Stiftung arbeiten derzeit vier Schulstationen im deutschen Sprachraum nach diesem Konzept. In Neumünster entsteht die erste unter Beteiligung der Geriatrie geführte Schulstation. Der nachweisliche Zusatznutzen durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Geriatern mit z. B. Unfallchirurgen (PROFinD, REFReSH) wird so konsequent mit dem interprofessionellen Ansatz kombiniert - bei allerdings erheblichem Mehraufwand organisatorisch (Studien- und Prüfungsordnungen), ablauftechnisch, logistisch und finanziell.

08:15
Umwandlung einer stationären Einrichtung: Versorgungswechsel von „all inclusiv“ in selbstständiges Wohnen. Werden mit der Umwandlung Abhängigkeiten und „Hospitalisierungstendenzen“ bei den Bewohnern zurückgeführt?
S214-02 

J. Dettbarn-Reggentin; Berlin

Hintergrund und Fragestellung: Eine stationäre Pflegeeinrichtung mit allumfassender Vollversorgung wird umgewandelt in eine Wohnform mit Kleinappartements und wählbaren Betreuungsleistungen. Die bisherigen Bewohner müssen nun in ihren umgewandelten Räumen ihr Alltagsleben selbst gestalten.
Wie gehen sie damit um und wie kommen sie in ihrem „neuen Leben“ zurecht? Sie haben bis zur Umwandlung im Mittel 7 Jahre im Heimstatus verbracht, sind allesamt pflegebedürftig und im Durchschnitt 78 Jahre alt. Gelingt es ihnen, ihre Kräfte auf eine selbstgestaltete und selbstbestimmte Lebensgestaltung zu konzentrieren?

Dieses Umwandlungsmodell soll die Bewohner stärker in ihren Fähigkeiten unterstützen und überflüssige Fremdleistungen vermeiden.

Methode: Die Studie ist als Kontrollgruppenuntersuchung im Längsschnittdesign angelegt. Es wurden die Sozial- und Pflegedaten aus den Dokumentationen gezogen bzw. eingeschätzt (Demenz nach Reisberg, Selbstständigkeit mit Barthel-Index, IADL nach Lawfort/Brody, Wohlbefinden mit WHO 5, soziale Netzwerke nach Kahn u.a.) Die Unterstützungsleistungen, Gesundheitsdaten und Wohlbefindlichkeitsdaten wurden weiter fortgeschrieben. Die persönliche Einschätzung wurde mit teilstandardisierten Erhebungsbögen in Interviews mit dem Pflegepersonal ermittelt.

Stichprobe: Es wurden 28 pflegebedürftige Personen Altbewohner und 24 pflegebedürftige Bewohner Neubewohner im Erhebungszeitraum von Oktober 2016 bis November 2018 einbezogen. Erhebungsort Sozialstiftung Bamberg Nordbayern. Die Studie wurde durch das Bayerische Ministerium für Gesundheit und Pflege gefördert.

Ergebnisse: Bereits im ersten Jahr nach der Umstellung konnten deutliche Selbstständigkeitstendenzen an Hand der IADL-Skala belegt werden. Das Wohlbefinden (WHO-5) der Altbewohner erreichte ebenfalls erheblich verbesserte Werte.

Perspektive: Das Modell der „Ambulantisierung“ von vollstationären Pflegeeinrichtungen ermöglicht es, auf die Nutzer/Bewohner bezogene Unterstützungsleistungen zu erbringen. Die Bewohner bestimmen den Grad der Hilfen selbst und erhalten ihre Fähigkeiten zur selbstständigen Lebensführung. Während der Umstellung und auch im weiteren Verlauf ist jedoch eine begleitende Betreuung notwendig.

08:30
Wie häufig versterben Pflegeheimbewohner im Krankenhaus? Ergebnisse einer eigenen Studie und Einordnung in die internationale Literatur
S214-03 

F. Hoffmann, K. Allers; Oldenburg

Fragestellung: Der Beitrag untersucht, wie häufig Pflegeheimbewohner in Deutschland im Krankenhaus versterben und stellt die Ergebnisse in einen internationalen Kontext.

Methode: Einerseits wurden Daten einer großen Krankenkasse (DAK-Gesundheit) ausgewertet und Pflegeheimbewohner im Mindestalter von 65 Jahren eingeschlossen, die 2010-2014 verstarben. Andererseits wurde eine systematische Literaturrecherche in PubMed, CINAHL Ebsco und Scopus nach Studien durchgeführt (PROSPERO Registrierung: CRD42017072276), die Daten zur Hospitalisierung von Pflegeheimbewohnern am Lebensende berichten (letzte Suche am 09.04.2019).

Ergebnisse: Von den insgesamt 67.328 Bewohnern (mittleres Alter: 85,3 Jahre; 69,8% weiblich), die in die Analyse der Krankenkassendaten einflossen, verstarben 29,5% im Krankenhaus. Bei Personen im Mindestalter von 95 Jahren zeigte sich ein niedrigerer Wert (21,7%). Im Vergleich zu Männern (32,4%) verstarben weibliche Bewohner (28,3%) seltener im Krankenhaus, während das Vorliegen einer Demenz keinen Einfluss hatte. Einen linearen Einfluss hatte die Pflegestufe, wobei mit zunehmendem Pflegebedarf weniger Bewohner im Krankenhaus verstarben. In 32,6% der Fälle dauerte der terminale Krankenhausaufenthalt maximal 3 Tage. Für den systematischen Review screenten wir 1.696 Referenzen und schlossen 29 Studien zum Versterben im Krankenhaus ein, 13 davon wurden in den USA durchgeführt. Neben der eigenen kam noch eine weitere Studie aus Deutschland. Diese mit Daten der Jahre 2000-2001 durchgeführte Arbeit fand mit 28,9% nahezu identische Werte. Insgesamt verstarben zwischen 5,9% der Pflegeheimbewohner in einer kanadischen und 77,1% in einer japanischen Studie im Krankenhaus. Der Median aller Studien war 22,6% (Interquartilrange: 16,3-29,5%). In den USA und Kanada lag der Median über alle Studien bei 17,5% (n=13) bzw. 19,1% (n=3). Insgesamt 9 Studien untersuchten den Einfluss des Geschlechts und alle fanden, dass männliche Bewohner häufiger im Krankenhaus verstarben. Die 10 Studien zum Einfluss des Alters zeigten größtenteils, dass jüngere Bewohner häufiger im Krankenhaus verstarben.

Schlussfolgerung: Deutsche Pflegeheimbewohner versterben im internationalen Kontext vergleichsweise häufig im Krankenhaus. Alters- und geschlechtsspezifische Unterschiede sind international jedoch vergleichbar. Insgesamt besteht erheblicher Handlungsbedarf, die palliative Versorgung von Pflegeheimbewohnern in Deutschland zu verbessern.

08:45
„VUN NiX KÜTT NiX“ Patient, Geriater und Hausarzt als multiprofessionelles Team für ein intersektorielles Entlassmanagement - Studiendesign
S214-04 

A. M. Meyer, M. Gogol, P. T. Brinkkötter, V. Burst, I. Becker, A.-W. Bödecker, T. Benzing, J. W. Robertz, M. C. Polidori Nelles; Köln, Heidelberg

Hintergrund: Ein zentrales Problem der Behandlung älterer, multimorbider Patienten stellen die zahlreichen Schnittstellen dar, welche ganz besonders im Übergang der stationären zur ambulanten Behandlung ein großes Risikopotenzial für Fehl-, Über- und Unterbehandlung bergen. Das Entlassmanagement sowie die Zusammenarbeit zwischen Krankenhausarzt, Hausarzt und Patient spielt hier eine wichtige Rolle. Während Hausärzte fehlende Diagnosemöglichkeiten für geriatrische Syndrome haben, haben Krankenhausärzte dagegen keine langfristigen Versorgungsmöglichkeiten für entdeckte altersmedizinische Probleme. Der Patient selbst ist zudem meist ratlos hinsichtlich der selbstwirksamen Fortführung seiner Therapie.

Methoden: Vor diesem Hintergrund wurde eine randomisiert-kontrollierte Interventionsstudie entwickelt, welche auf einem strukturierten Entlassmanagement im Akutkrankenhaus in Zusammenarbeit mit Patienten und Hausarzt basiert, sowie eine gezielte Patientenschulung enthält.

Ergebnisse: In der Studie werden ältere Patienten auf akutmedizinischer Station rekrutiert und mittels eines Geriatrischen Assessments inklusive Prognoseberechnung durch den Multidimensionalen Prognostischen Index (MPI) untersucht, um Geriatrische Syndrome und Ressourcen der Patienten zu erkennen. Bei erkannten Problemen werden weitere Mitglieder des multiprofessionellen Teams (Apotheker, Ernährungsberater, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Sozialdienst) hinzugezogen. Zusätzlich wird bei der Interventionsgruppe der Patient nach seinen Behandlungszielen befragt. Darauf basierend werden zusammen mit dem Hausarzt konkrete Behandlungsziele erstellt. Es erfolgt eine Schulung des Patienten für das gesundheitsförderliche Leben nach dem Krankenhaus unter Zuhilfenahme eines Patientenbilderbuches, Schrittmachers und Thera-Bandes. In der 6-monatigen Nachverfolgung bekommen Patient und Hausarzt eine telefonische Kontaktmöglichkeit für weitere Unterstützung.

Zusammenfassung: Ziel ist die Optimierung des stationär-ambulanten Überganges des Patienten durch eine multiprofessionelle und intersektorielle Teamarbeit. Dadurch soll die Behandlung älterer, multimorbider Patienten durch eine gemeinsame klinische Entscheidungsfindung verbessert werden und einen nachhaltigen Effekt im Hinblick auf eine Reduktion der Rehospitalisierung und eine Erhöhung der Selbstwirksamkeit der Patienten erzielt werden. Die Studie wurde mit dem Förderpreis 2019 der Wilhelm Woort-Stiftung für Alternsforschung ausgezeichnet.

09:00
E-Health-basierte, sektorenübergreifende geriatrische Versorgung / Geriatrisches Netzwerk GerNe
S214-05 

M. Mohr; Mainz

Im Hinblick auf die demographische Entwicklung und die weiter steigende Lebens-erwartung in Deutschland wird auch der Anteil der hochaltrigen (> 80 Jahre), multi-morbiden Patienten weiter ansteigen. Für die Behandlung dieses Patientenkollektivs bedarf es einer weiteren Optimierung der ambulanten, stationären sowie sektoren-übergreifenden Versorgung. Die Vermutung, dass geriatrische Patienten ein hohes Rehospitalisationsrisiko aufweisen, wurde durch die Angaben einer großen rheinlandpfälzischen Krankenkasse bestätigt. In der Aufbereitung der Krankenkassendaten konnte dargestellt werden, dass 2931 Versicherte im Zeitraum vom 01.07.2014 bis 30.06.2015 eine stationäre Behandlung mit Abrechnung einer geriatrischen DRG aufwiesen. Von diesen genannten Patienten war bei 2091 Versicherten (71%) mindestens eine weitere stationäre Aufnahme (Rehospitalisierung) im Folgejahr notwendig gewesen. Die durchschnittliche Rehospitalisierungsrate im Jahr nach dem stationären Aufenthalt lag bei 1,85.

Ziel des GerNe-Projektes ist es diese Rehospitalisationsrate zu senken, indem die Zusammenarbeit bzw. Kommunikationen zwischen den geriatrischen Kliniken und den niedergelassenen Ärzten verbessert wird. Als Kommunikationsplattform hierfür dient eine gemeinsam genutzte elektronische Fallakte. Bei Studienteilnahme werden die erhobenen Untersuchungsbefunde, Assessments, der Medikationsplan sowie der Arztbrief in die webbasierte, elektronische Fallakte eingetragen. Die Fallakte steht dem weiterbehandelnden Hausarzt danach komplett elektronisch zur Verfügung. Aufgabe des Hausarztes ist es die Fallakte über 1 Jahr weiter zu pflegen. Dies bestünde in der Basis aus einer quartalsweisen Aktualisierung des Patientenstatus sowie eines geriatrischen Basisassessments. Situativ wäre die Eintragung von Statusänderungen, eingeleiteten Maßnahmen und insbesondere Änderungen der Medikation erforderlich. Das Monitoring dieser Eintragungen erfolgt durch einen in den jeweiligen Kliniken angesiedelten Konsildienst, der von einem in der Geriatrie erfahrenen Arzt betreut wird. Die Medikationsliste wird darüber hinaus von einem Apotheker gesichtet. Sollten sich aus den Eintragungen Fragen oder Handlungsmöglichkeiten ergeben, hält der Konsildienst Rücksprache mit dem behandelnden Hausarzt. Der Konsildienst steht dem niedergelassenen Kollegen bei Fragen telefonisch oder über die elektronische Fallakte zur Verfügung. Durch diese Vernetzung soll ein bidirektionaler Informationsaustausch ermöglicht werden.

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