Samstag, 07.09.2019

08:00 - 09:30

Hörsaal 8

S312

Bewegung in der Geriatrie – Aktuelle Ergebnisse und neue Aspekte im sport- und bewegungswissenschaftlichen Kontext

Moderation: M. Jamour, Ehingen; T. Fleiner, Köln

“Exercise is medicine!“ – das Wissen um die Wichtigkeit von körperlicher Aktivität in der Gesellschaft, besonders aber auch in der Gesundheitsversorgung wächst stetig. Im Interesse der geriatrischen Forschung und Versorgung liegen gezielte Assessment- und Interventionsansätze zur möglichst langen Erhaltung eines aktiven und selbstständigen Lebensstiles. Den klassischen geriatrischen Themen und Problemen, wie dem Rückgang an körperlicher Aktivität und Mobilität, der Veränderung der Körperzusammensetzung und der Sturzprävention, widmen sich sport- und bewegungswissenschaftliche Arbeitsgruppen in nationalen und internationalen Forschungskooperationen an Kliniken, Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Der interdisziplinäre Fokus liegt dabei insbesondere in der Verknüpfung von Lehre, Forschung und Versorgung.

Ziel dieses Symposiums ist es, einen Einblick in die aktuelle Wissenslage zu Assessmentverfahren und Interventionsprogrammen im Geriatrie-orientierten sport- und bewegungswissenschaftlichen Forschungsfeld zu geben. Als zentrale Themen werden in diesem Symposium aktuelle Ergebnisse aus den folgenden Themenkomplexen vorgestellt und diskutiert: Erfassung und Förderung der Mobilität nach Hüftfraktur; der Einfluss von Frailty auf den Zusammenhang zwischen motorischer Funktion und alltäglichem Bewegungsverhalten; Einsatz von Bewegungssensoren in der Parkinson-Versorgung, Bewegungsinterventionen in Pflegeheimen, Krafttraining und Ernährung bei Sarkopenie sowie körperliche Aktivität in der klinischen Demenzversorgung.

Aus einer sport- und bewegungswissenschaftlichen Sichtweise adressiert dieses Symposium klinisch tätige Geriater sowie an der Forschung interessierte Geriater.

08:00
Wie wirkt sich eine 6-wöchige progressive Krafttrainings- und Ernährungsintervention auf Frauen mit Prä-Sarkopenie und Sarkopenie aus? – Eine Pilot-Studie
S312-01 

K. Schulleri, M. Lindinger, C. Lautner, U. Ferrari, M. Drey, J. Schlegel, M. Schönfelder, H. Wackerhage; München

Hintergrund: Sarkopenie wird als kritischer Verlust der Muskelmasse und -funktion während des normalen Alterungsprozesses definiert. Dieser fortschreitende Funktionsverlust geht einher mit zunehmendem Sturzrisiko, höherer Gebrechlichkeit, Notwendigkeit von Hilfe im Alltag und steigender Mortalität. Deshalb ist die Prävention der Sarkopenie ein wichtiger Aspekt für ein gesundes Altern.

Fragestellung: Das Ziel dieser Pilot-Studie war es die folgende Forschungsfrage zu beantworten: Kann eine 6-wöchige progressive Krafttrainings- und Ernährungsintervention die Muskelkraft, Muskelmasse, körperliche Leistungsfähigkeit, den SARC-F Score und die Lebensqualität von Frauen mit Prä-Sarkopenie und Sarkopenie verbessern?

Methodik: Neun ältere Frauen (73 ± 5 Jahre, 61.6 ± 16.8 kg, 164 ± 8 cm, 22.3 ± 4.4 kg/m2) mit Prä-Sarkopenie oder einem SARC-F Score von mindestens 1 nahmen an der 6-wöchigen Krafttrainings- und Ernährungsintervention teil. Das Training bestand aus 6-7 Kräftigungsübungen für die unteren Extremitäten mit geringem Sturzrisiko. Das Krafttraining wurde mit niedriger bis moderater (20-40% MVC) Intensität mit jeweils 1-2 Sätzen bis zur muskulären Ermüdung ausgeführt und im Studienverlauf progressiv gesteigert. Ergänzend erhielten die Probandinnen täglich eine Nahrungsergänzung, bestehend aus 20 g Protein, 4 g Leuzin und 5 g Kreatin. Vor und nach der Intervention erhoben wir folgende Parameter: SARC-F Score, Lebensqualität, Muskelmasse, Muskelkraft, Muskelqualitätsindex (MQI) und Gehgeschwindigkeit. Die Interventionseffekte analysierten wir anschließend mit gepaarten t-Tests (α1-seitig =.025).

Ergebnisse: Die Handgriffkraft, die benötigte Zeit im Chair-Stand-Test sowie die relative Leistung der Beine (basierend auf der Chair-Stand-Testzeit, der Stuhlhöhe, der Beinlänge und dem Körpergewicht) verbesserten sich signifikant entsprechend um 2.13 ± 1.55 kg (p=.003), 2.01 ± 1.43 s (p=.003) und 0.42 ± 0.32 W/kg (p=.004). Des Weiteren verbesserte sich der SARC-F Score von 2.75 ± 1.04 auf 1.13 ± 0.65 (p=.003). Die relative Muskelmasse stieg von 5.58 ± 0.73 auf 5.67 ± 0.79 kg/m2 an (p=.0350). Die Gehgeschwindigkeit sowie die Lebensqualität veränderten sich nicht (Gehgeschwindigkeit: p=.186; Lebensqualität: PCS: p=.13, MCS: p=.17).

Fazit: Eine kombinierte Krafttrainings- und Ernährungsintervention von 6 Wochen kann die Muskelkraft und selbstberichtete Leistung in alltäglichen Aktivitäten verbessern sowie die Muskelmasse in Frauen mit Prä-Sarkopenie aufrechterhalten.

08:15
Bewegungsinterventionen im Pflegeheimsetting - ein Evidenzupdate
S312-02 

D. Schöne; Erlangen

Hintergrund: Von den ca. 3,4 Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland leben etwa ein Viertel in vollstationären Pflegeeinrichtungen. Über 70% der Bewohner sind 80 Jahre und älter und weisen heterogene Funktionslevel auf. Es gilt heute als erwiesen, dass Bewegung starke präventive und therapeutische Wirkungen aufweist. Insbesondere durch den Erhalt bzw. die Verbesserung der Funktionalität sowie die Vermeidung von Risikofaktoren, sind strukturierte Bewegungsinterventionen von elementarer Bedeutung für ein möglichst autonomes Leben. Die große Mehrheit der Studien wurde bei selbständig lebenden älteren Menschen durchgeführt. Eine zunehmende Anzahl an Studien beschäftigt sich mit gebrechlichen älteren Menschen (Frailty) und wurde zum Teil im Pflegeheimsetting durchgeführt. In Deutschland gibt es seit 2016 einen Anspruch auf präventive Maßnahmen für Bewohner stationärer Pflegeeinrichtungen (§5 SGB XI), was u.a. im Leitfaden Prävention in stationären Pflegeeinrichtungen geregelt ist. Das stationäre Wohnumfeld bietet Vorteile in Bezug auf die Organisationsstrukturen von Gruppeninterventionen. In diesem Beitrag sollen bisherige aussagekräftige Studienergebnisse zum Thema vorgestellt werden.

Fragestellung: Sind Bewegungsinterventionen im Pflegeheimsetting effektiv für die Beeinflussung relevanter Gesundheitsoutcomes?

Methode: Aufbauend auf systematischen Literatursuchen, wird eine Übersicht der gegenwärtigen Evidenz gegeben. Berücksichtigt werden ausschließlich randomisierte und kontrollierte Studien mit älteren Bewohnern (Durchschnittsalter mind. 65 Jahre) in stationären Pflegeeinrichtungen, welche in mind. einer Gruppe eine Bewegungsintervention durchführten.

Ergebnisse: Eingeschlossene Studien werden kritisch analysiert und kategorisiert nach i) Funktionslevel der Bewohner, ii) Art, Dosis und Organisation der Bewegungsintervention, iii) Wirksamkeit und iv) Outcomes. Spezifische Handlungsempfehlungen werden, wenn möglich, abgeleitet und Forschungslücken aufgezeigt.

Schlussfolgerung: Dieser Beitrag wird einen Überblick der aktuellen Evidenz geben sowie Handlungs- und Forschungsperspektiven aufzeigen.

08:30
Laborgemessene motorische Kapazität vs. Alltagsleistung: Frailty-Grad als moderierende Variable
S312-03 

C.-P. Jansen, J. Mohler, C. Wendel, N. Toosizadeh, B. Najafi, M. Schwenk; Heidelberg, Tucson/USA, Houston/USA

Hintergrund: Mit zunehmendem Grad der Gebrechlichkeit (Frailty) nimmt die motorische Funktion älterer Personen ab. „Fraile“ ältere Personen agieren daher näher an ihrer motorischen Kapazitätsgrenze, um ihr alltägliches Bewegungsverhalten aufrechtzuerhalten, als nicht-gebrechliche Personen. Es wird überprüft, ob der Zusammenhang zwischen laborgemessener motorischer Kapazität und im Alltag erfasstem Gangverhalten (Alltagsleistung) mit zunehmendem Frailty-Grad variiert (Moderationseffekt von Frailty).

Methoden: Motorische Kapazität und Alltagsleistung von n=112 zuhause lebenden Personen über 65 Jahren (n=44 nicht-frail; n=58 prefrail; n=21 frail) wurden anhand sensor-basierter Messungen im Labor bzw. im Alltag untersucht. Motorische Kapazität wurde operationalisiert als maximale und normale Ganggeschwindigkeit, Alltagsleistung wurde operationalisiert als kumulierte „aktive Zeit“ (Stehen & Gehen) sowie durchschnittliche Schrittzahl je Gangepisode und maximale Gangzeit in einer Gangepisode während 48 Stunden. Der angenommene Moderationseffekt wurde anhand hierarchischer, linearer Regressionen überprüft.

Ergebnisse: Die Ergebnisse zeigen eine signifikante Zunahme der Assoziation zwischen motorischer Kapazität und Alltagsleistung mit zunehmendem Frailty-Grad. Dies gilt für die Assoziation zwischen normaler Ganggeschwindigkeit und maximaler Gangzeit/durchschnittlicher Schrittzahl sowie hoher Ganggeschwindigkeit und der maximalen Gangzeit. Ein solcher Moderationseffekt wurde nicht gefunden für die Assoziation zwischen beiden Ganggeschwindigkeiten mit der kumulierten „aktiven Zeit“.

Diskussion: Motorische Kapazität und Alltagsverhalten sind erst ab fortgeschrittenem Frailty-Grad miteinander assoziiert. Dies zeigt die hohe Relevanz individualisierter Interventionsempfehlungen, um Alltagsleistungsverlusten entgegenzuwirken bzw. vorzubeugen. Nicht-fraile Personen haben in dieser Hinsicht keinen Bedarf an Kapazitäts- bzw. Funktionsverbesserungen, sondern eher an allgemeiner Aktivitätsförderung. Eine Verbesserung der motorischen Kapazität bei „frailen“ Personen kann hingegen direkt zu einer höheren Alltagsleistung führen. Generelle „aktive Zeit“ scheint jedoch gänzlich dissoziiert von motorischer Kapazität in dieser Stichprobe.

08:45
Messung der Mobilität nach Hüftfraktur - Der MOBILISE-D Ansatz
S312-04 

L. Schwickert, C. Becker; Stuttgart

Einleitung: Die Fähigkeit sich zu bewegen bedingt das physische, mentale und soziale Wohlbefinden. Hüftfrakturen schränken die Mobilität besonders ein, häufig entwickelt sich eine sogenannte katastrophale Gesundheitstrajektorie. Zur Prävention und Minimierung des Mobilitätsverlusts werden dedizierte Interventionen und dazu valide Messinstrumente benötigt um die Mobilität (z.B. wie häufig, schnell oder gleichmäßig eine Person geht) objektiv und reliabel messbar zu machen. Bislang wurde die Mobilität fast ausschließlich anhand von Kapazitativen Messungen und Fragebögen erfasst, was Ressourcen intensiv ist und die Sensitivität limitiert. Großskalierte Datenanalysen und IOT Verfahren werden benötigt um Rückschlüsse auf Mobilitätsgewohnheiten im Alltag zu ziehen.

Methoden: In dem EU-Projekt MOBILISE-D wird ein innovativer technischer Ansatz zur akkuraten Messung und Monitoring der Gehgeschwindigkeit und weiterer digitalen Mobilitätsparametern im alltäglichen Kontext entwickelt. Dazu wird eine Kohorte mit Hüftfrakturpatienten aufgebaut, welche eine detaillierte Evaluation der Mobilität nach der Fraktur ermöglicht, die klinische Validität des Ansatzes soll überprüft werden.

Ergebnisse: In diesem Symposium werden die neuesten Erkenntnisse und Entwicklungen aus der Studie vorgestellt, darunter die Ergebnisse von umfassenden Literaturanalysen sowie die technischen Entwicklungen zur digitalen Mobilitätsmessung und die analytischen Algorithmen zur Bereitstellung einer öffentlichen Datenbank für Mobilitätsdaten zur Entwicklung klinischer Instrumente.

Diskussion: Die Validierung digitaler Mobilitätsmessungen ist ein wesentlicher Baustein in der Entwicklung klinischer Studien mit regulatorischer Basis. Es wird ein wesentlicher Fortschritt im Bereich der Messmethodik zur Erfassung der Hüftfraktur bedingten Mobilitätseinschränkung erwartet. Die entwickelten Datenbanken und analytischen Instrumente sollen einen neuen Standard setzen

09:00
Einsatz von Bewegungssensoren in der Versorgung von Parkinson-Patienten
S312-05 

C. Hansen; Kiel

Das Parkinsonsyndrom betrifft als neurodegenerative Erkrankung in besonderem Maße das motorische System. Häufig auftretende Symptome sind Steifigkeit, die Verlangsamung der Bewegung und Schwierigkeiten beim Gehen. Nicht zuletzt aufgrund der demographischen Entwicklung und der damit zusammenhängenden steigenden Prävalenz von neurodegenerativen Krankheiten ist es wichtig:

  • Einschränkungen der Bewegungsmuster früh klinisch zu erkennen
  • Effekte auf die Mobilität im häuslichen Umfeld gut zu verstehen und quantifizieren
  • spezifische Therapien abzuleiten und objektiv zu überprüfen

Parkinson-Patienten werden im klinischen Alltag häufig mit Fragebögen evaluiert. Dies spiegelt aber nur subjektiv den Alltag wider und gibt oft wenig oder fast keinen Aufschluss über Qualität von Bewegung und Mobilität. Ebenfalls handelt es sich bei dieser klinischen Erhebung nur um eine „Momentaufnahme“. Es wird also durch die Bewertung eines Moments die gesamte Mobilität eines Patienten beurteilt, die im Tagesverlauf stark schwanken kann. Durch kontinuierliche Messungen, wie sie heute mit tragbarerer Trägheitsmesssystemen (IMUs) relativ unkompliziert möglich sind, können diese Nachteile angemessen adressiert werden.

In diesem Zusammenhang ist die Entwicklung und Validierung von populationsspezifischen Algorithmen zur Bewegungsanalyse unabdingbar. Ein entsprechend entwickelter Algorithmus ist von grosser klinischer Bedeutung und kann z.B. zur Diagnose, Messung von Therapieerfolg, Überwachung des Krankheitsverlaufs und zur Beurteilung der Nebenwirkungen von Medikamenten verwendet werden. Jedoch ist zu beachten, dass ein validierter Algorithmus aus dem Labor möglicherweise oft wenig Rückschlüsse auf die tatsächliche Bewegung im häuslichen Umfeld ermöglicht. In diesem Beitrag wird anhand aktueller Forschungsergebnisse die derzeitige Situation in der Versorgung von Parkinson-Patienten mit Sensortechnologie

09:15
Körperliche (In)Aktivität bei Demenz im Krankenhaus: neue Einblicke durch den Einsatz von Bewegungssensoren
S312-06 

T. Fleiner, M. Gersie, W. Zijlstra, P. Häussermann; Köln

Fragestellung: In der klinischen Versorgung von Demenzpatienten spielt die körperliche (In)Aktivität eine zunehmend wichtige Rolle. Ziel dieses Beitrages ist es, den Einsatz von Bewegungssensoren vorzustellen und die Relevanz für die Versorgung im Krankenhaus zu diskutieren.

Methodik: Anhand einer Literaturübersicht und einer Querschnittserhebung in der klinischen Demenzversorgung wird der Einsatz von hybriden, am Körper getragenen Bewegungssensoren diskutiert. Im Fokus stehen die Analyse der Machbarkeit der Sensorerfassung, gemessene Aktivitätslevels, klinische Analysen und die Implementierung in die Regelversorgung. Der Einfluss sedierender Medikation auf die körperliche Aktivität wird anhand von Äquivalenz-Dosen analysiert, ein Zusammenhang zu neuropsychiatrischen Symptomen wird anhand psychopathometrischer Instrumente untersucht.

Ergebnisse: In die Querschnittserhebung wurden N=64 Patienten mit Demenzerkrankung (MMST M=18.6) einbezogen. Die Patienten lagen im Mittel 11.5h/Tag, saßen/standen inaktiv für 10.3h/Tag, saßen/standen aktiv für 1.0h/Tag und gingen 1.2 h/Tag. Die körperliche Aktivität der Patienten zeigte keinen Zusammenhang zu der verabreichten sedierenden Medikation. Mit zunehmender Schwere der neuropsychiatrischen Symptome waren die Patienten körperlich inaktiver (r=.32, p=.01). Insbesondere Patienten mit apathischen Symptomen waren 30 Minuten weniger aktiv, als Patienten ohne apathische Symptome.

Diskussion: Die objektive Erfassung der körperlichen Aktivität bei Demenzpatienten scheint im klinischen Versorgungskontext gut durchführbar zu sein. Die in der Erhebung einbezogenen Patienten waren nur in sehr geringem Maße körperlich aktiv. Dies könnte an dem Schweregrad der vorliegenden neuropsychiatrischen Symptome liegen – insbesondere an der Apathie. Der Einsatz von Bewegungssensoren ermöglicht neue Einblicke bei der Behandlung von Demenzpatienten im Krankenhaus. Entsprechend der Ergebnisse sollte mehr Wert auf die körperliche Aktivierung der Patienten gelegt werden.

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