Samstag, 07.09.2019

10:00 - 11:30

Hörsaal 11

S324

Neue Innovationsfondsprojekte - Von der Idee zum laufenden Projekt

Moderation: J. M. Bauer, Heidelberg; D. Dallmeier, Ulm

Seit dem 01.01.2016 hat der gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) als oberstes Beschlussgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung unter anderem der Ärztinnen und Ärzte, Krankenhäuser und Krankenkassen „den Auftrag, neue Versorgungsformen, die über die bisherige Regelversorgung hinausgehen“ oder diese verbessern mit 300 Millionen Euro pro Jahr (2016-2019) zu fördern. Gerade geriatrische Patienten sind häufig hoch vulnerabel und bedürfen in der täglichen Routineversorgung „Sozialleistungsträgerübergreifende Versorgungsmodelle“, Krankheits-übergreifende Versorgungsmodelle“ Versorgungsmodelle für vulnerable Gruppen“, sowie verbesserte „Versorgungsstrukturen und –prozesse“. Das hier eingereichte Symposium stellt fünf aktuelle Innovationsfondsprojekte mit geriatrischem Schwerpunkt vor.

Dazu gehören das Projekt „REKUP-Geriatrie“ (Rehabilitative Kurzzeitpflege im stationären Umfeld – Ein Versorgungskonzept für Versicherte mit und ohne vorbestehende Pflegebedürftigkeit) aus Heidelberg (Förderthemenfeld: Sozialleistungsträgerübergreifende Versorgungsmodelle) und das Projekt „TRADE“ (TRAnsport und DElir älterer Menschen) aus Ulm (Förderthemenfeld: Versorgung geriatrischer Patienten) aus Baden-Württemberg. Zudem sollen die Projekte „DemStepCare“ (Hausarztbasierte Demenzversorgung mit koordinierter Kooperation und risikostratifiziertem Einsatz spezialisierter Pflegekräfte) aus Mainz (Förderthemenfeld: Versorgungsmodelle für spezifische Krankheiten/Krankheitsgruppen) aus Rheinland-Pfalz, das Projekt „KOMPASS D2“ (Komplikations-Management und Prävention im Ambulanten und Stationären Sektor – Demenz & Delir) aus Münster (Förderthemenfeld: Versorgungsmodelle für vulnerable Gruppen) aus Nordrhein-Westfalen und das Projekt „DemWG“ (Reduktion des Risikos für Krankenhauseinweisungen bei Menschen mit Demenz in ambulant betreuten Wohngemeinschaften) aus Bremen (Förderthemenfeld: Versorgung von Menschen mit chronischen Erkrankungen und/oder Multimorbidität) vorgestellt werden.

Da es sich um neu aufgelegte Projekte handelt soll neben dem Studiendesign und Zielsetzungen der Studien auch über deren Startphase (ggf. auch mit Problemen in dieser) berichtet und diskutiert werden. Ziel ist es den Zuhörern einen aktuellen Einblick in die geriatrische Versorgungsforschung zu ermöglichen.

10:00
REKUP – Geriatrie, Rehabilitative Kurzzeitpflege im stationären Umfeld – Ein Versorgungskonzept für Versicherte mit und ohne vorbestehende Pflegebedürftigkeit
S324-01 

S. Grund, N. Specht-Leible, J. M. Bauer; Heidelberg

Nach einem Krankenhausaufenthalt werden viele geriatrische Patientinnen und Patienten zunächst nach Hause oder direkt in Pflegeinstitutionen entlassen, da sie körperlich noch nicht für eine geplante Rehabilitationsmaßnahme bereit sind. Diese sollte jedoch frühzeitig beginnen, um das sogenannte „Reha-Loch“ zu verhindern. Denn ungenutzt verstreichende Zeit kann die Rehabilitationsfähigkeit der geriatrischen Patientinnen und Patienten so stark mindern, dass eine Dauerpflege notwendig wird.

Ziel des Projekts ist es, direkt nach dem Krankenhausaufenthalt eine rehabilitative Kurzzeitpflege in geriatrischen Rehabilitationseinrichtungen modellhaft zu etablieren. Die rehabilitative Kurzzeitpflege soll die geriatrischen Patientinnen und Patienten vor den Folgen von Bettlägerigkeit und Inaktivität schützen, z. B. vor Muskelschwund oder kognitiven und psychischen Veränderungen. Die Evaluation überprüft den Projekterfolg in einer prospektiven multizentrischen Beobachtungstudie: 400 geriatrischen Patientinnen und Patienten erhalten dabei – direkt nach ihrem Krankenhausaufenthalt – die rehabilitative Kurzzeitpflege. Die 200 geriatrischen Patientinnen und Patienten der Kontrollgruppe werden dagegen im Anschluss an ihren Krankenhausaufenthalt direkt in die stationäre (nicht rehabilitative) Kurzzeitpflege entlassen.

Im Erfolgsfall trägt die rehabilitative Kurzzeitpflege, als neues Versorgungsmodell dazu bei, das Rehabilitationspotential der geriatrischen Patientinnen und Patienten optimal auszuschöpfen und somit die Lebensqualität dieser Patientinnen und Patienten zu steigern, sowie ihre individuelle Teihlabe am gesellschaftlichen Leben zu fördern. Darüber hinaus ist im Erfolgsfall mit einem verminderten Nachsorgebedarf und damit verringerten Kosten (z.B. Pflegekosten) zu rechnen. Dies ist aufgrund der demographischen Entwicklung von besonderer gesundheitsökonomischer Bedeutung.

10:15
TRADE – TRAnsport und DElir älterer Menschen
S324-02 

C. Leinert, D. Dallmeier, M. Denkinger; Ulm

Krankenhausbehandlungen älterer Menschen sind eine besondere Herausforderung. Nicht selten weisen Patienten kognitive Beeinträchtigungen auf und es kann häufiger zu einer akuten Verwirrtheit, dem sogenannten Delir, kommen. In Notaufnahmen sind beispielsweise 7 bis 15 Prozent der über 70-Jährigen hiervon betroffen und mehr als 30 Prozent der Patienten, die stationär aufgenommen werden, leiden hierunter.

Jede akute körperliche Erkrankung kann ein Delir verursachen. Im Krankenhaus tritt es allerdings häufig durch operative Eingriffe, Mehrfachmedikation oder starke Schmerzen auf, aber auch durch Umgebungsfaktoren, wie z. B. laute und hoch frequentierte Räume oder durch eine Änderung der vertrauten Situation, wie bei einem Wechsel der Station. Eine Reorientierung der Patienten gelingt am leichtesten mit Hilfe bekannter Personen und Stimmen. Bislang werden jedoch nur selten Angehörige oder vertraute Personen hierzu einbezogen.

Das Projekt zielt daher darauf ab, vertraute Personen, die ältere Patienten in eine medizinische Einrichtung begleiten, über das Risiko für ein Delir zu informieren und sie aktiv in den Prozess des „Ankommens“ oder bei einem Umgebungswechsel einzubinden.

Zunächst werden in einer Beobachtungsstudie an vier Kliniken kognitive Veränderungen und die Delirstärke bei einem Ortswechsel erhoben. Diese Ergebnisse und das Wissen und die Erfahrungen vieler Beteiligter wie Angehörige, Krankentransportdienste, Entlassmanagement, Pflege, Ärzte und Sozialdienst sind die Grundlage zur Planung zielgruppengerechter Informationsmaterialien. Dazu gehören eine Webseite sowie leicht verständliche Broschüren für Gesundheitspersonal und Angehörige und Schulungen. Die Wirksamkeit dieser Maßnahmen soll sodann in einer Pilotstudie geprüft werden. Es wird untersucht, ob sich Abläufe hierdurch verbessern und auch erfasst, welche Barrieren eine Umsetzung behindern.

Im Erfolgsfall kann gezeigt werden, dass durch die Ankommens-Begleitung in neuen Einrichtungen, bei Raumwechsel innerhalb des Krankenhauses sowie bei Verlegungen von einem Krankenhaus in ein anderes, kognitiven Verschlechterungen einfach und effektiv entgegenwirkt werden kann. Die Maßnahmen könnten in die Weiterentwicklung des Entlassmanagements der Kliniken, in selektivvertragliche Vereinbarungen und/oder Verträge zur integrierten Versorgung einfließen und zukünftig in die qualitäts-gesteuerte Bezahlung aufgenommen werden.

10:30
DemStepCare – Hausarztbasierte Demenzversorgung mit koordinierter Kooperation und risikostratifiziertem Einsatz spezialisierter Pflegekräfte
S324-03 

A. Fellgiebel, K. Geschke, A. Wuttke-Linnemann; Alzey, Mainz

Die Zahl demenzkranker Menschen steigt. Bei der Pflege der Betroffenen kommt es immer öfter zu Engpässen. Pflegenden Familienangehörigen fehlt dabei oft eine professionelle Unterstützung. Zudem kommt es häufig zu vermeidbaren Problemen, wenn unterschiedliche Haus-, Facharztpraxen und Institutionen beteiligt sind.
Das Projekt DemStepCare will die medizinische Basisversorgung von Menschen mit Demenz verbessern und deren Angehörige unterstützen. Es will Haus-, Facharzt und Klinik stärker miteinander vernetzen und die Kommunikation der regionalen Demenzversorger optimieren. Zentrale Schnittstelle ist dabei ein sogenannter Case-Manager, der eng mit der Hausarztpraxis zusammenarbeitet. Er oder sie erfasst den Versorgungsbedarf der erkrankten Person ab dem Zeitpunkt der Diagnosestellung und schätzt mögliche Versorgungsrisiken ein. Das sind beispielsweise Erschöpfungszustände bei pflegenden Angehörigen oder aber fehlende Pflege bei alleinstehenden Personen. Beim Auftreten solcher Versorgungskrisen werden die Patientinnen und Patienten, bedarfsweise auch die pflegenden Angehörigen, durch eine Krisenambulanz mitbetreut. Insgesamt sollen bis zu 800 Erkrankte so untersucht und versorgt werden. Nach zwei Jahren wird evaluiert, ob dadurch die Zahl der Krankenhausaufenthalte reduziert, die Lebensqualität der Demenzkranken verbessert und die pflegenden Angehörigen entlastet werden konnten. Die Ergebnisse werden verglichen mit einer Gruppe Demenzerkrankter, die regulär behandelt wurden.
Im Erfolgsfall können die Erkenntnisse, die bei DemStepCare gewonnen werden, flächendeckend in der Regelversorgung ausgeweitet werden. Beispielsweise könnten vielerorts Hausarztnetze als Multiplikatoren für das Konzept fungieren.

10:45
Kompass D² =KOmplikations-Management und Prävention im ambulanten und stationären Sektor – Demenz und Delir
S324-04 

C. Göpel, Münster

Durch die demographische Entwicklung nimmt die Zahl der im Krankenhaus zu behandelnder Patienten mit kognitiven Einschränkungen oder einer Demenz zu. Viele ältere Patienten mit kognitiven Einschränkungen entwickeln während eines notwendigen Krankenhausaufenthaltes ein Delir, welches zu deutlichen und oft nicht reversiblen medizinischen Folgen führt.

Um diese medizinischen Nachteile zu limitieren, brauchen Krankenhäuser spezielle Konzepte und Mitarbeiter verschiedener Fachdisziplinen. Im Projekt Kompass D² werden Krankenhäuser in einer Region vernetzt, um die Versorgung von Patienten mit Demenz und/oder Delir im Krankenhaus zu verbessern. Insbesondere soll die Versorgungslücke zwischen ambulanten und stationären Versorgern geschlossen werden.

Es wird ein innovatives Kooperationsnetzwerk aus insgesamt 6 Krankenhäusern im Münsterland aufgebaut: Evangelisches Krankenhaus Johannesstift Münster, St. Josef-Stift Sendenhorst, UKM Marienhospital Steinfurt, Josephs-Hospital Warendorf, Mathias-Spital Rheine und das Universitätsklinikum Münster.

Bereits vor der Aufnahme werden durch Haus- und Fachärzte Patienten mit einem Delir-Risiko durch spezifische Screenings identifiziert und die Informationen an die Krankenhäuser elektronisch weitergeleitet. Während des Krankenhausaufenthalts werden die Patienten durch ein multiprofessionelles Team unterstützt: Geriater, Neurologen, Psychiater, Anästhesisten, klinische Pharmazeuten und speziell ausgebildete Pflegekräfte werden für ein standardisiertes Delir-Management benötigt. Wenige Krankenhäuser verfügen allerdings über alle Fachdisziplinen. In Kompass D² wird dieser Nachteil durch eine telemedizinische Vernetzung der kooperierenden Krankenhäuser ausgeglichen. Zudem erfolgt nach Entlassung eine weitere Begleitung der Patienten durch spezielle Pflegekräfte und Pharmazeuten, die in Absprache mit dem nachbehandelnden niedergelassenen Arzt die Versorgung verbessern. Zudem werden Patienten und ihre Angehörigen nach dem Krankenhausaufenthalt durch ein spezielles Konzept geschult, um die möglichen kognitiven Einschränkungen zu rehabilitieren. Mit den Maßnahmen im Projekt Kompass D² soll eine lange und autonome Selbstständigkeit in der eigenen Häuslichkeit gewährleistet werden.

Ziel ist die Verbesserung der stationären Versorgung älterer Patienten, die sich im Krankenhaus behandelnden lassen müssen. Bei positiven Ergebnissen wird ein Überführen neuer geriatrischer Qualitätsstandard in die Regelversorgung erwartet.

11:00
DemWG – Reduktion des Risikos für Krankenhauseinweisungen bei Menschen mit Demenz in ambulant betreuten Wohngemeinschaften
S324-05 

K. Wolf-Ostermann, K. Ratz, E. Gräßel, A. Kratzer; Bremen, Erlangen

Die Lebenserwartung in Deutschland nimmt stetig zu und ebenso die Zahl älterer und hochbetagter Menschen in unserer Gesellschaft. Damit geht einher, dass auch die Zahl pflegebedürftiger Menschen steigt, die oftmals von neuropsychiatrischen Erkrankungen, wie Demenz, betroffen sind. Für die Mehrzahl der Demenzerkrankungen gibt es derzeit keine ursächliche Therapie. Damit steht diese Erkrankung im Mittelpunkt der pflegerischen Versorgung. Aus diesem Grund erfahren neuere Wohnmodelle, wie ambulant betreute Wohngemeinschaften (WG), zunehmend Zuspruch. Das Risiko einer Krankenhauseinweisung für Bewohnerinnen und Bewohner solcher WGs ist als hoch einzustufen. Krankenhauseinweisungen haben neben den Kosten im Gesundheitssystem vielfältige negative Folgen auf individueller Ebene für die Menschen mit Demenz.
Das Projekt geht der Frage nach, ob Menschen mit Demenz, die in einer ambulant betreuten WG leben, seltener im Krankenhaus behandelt werden müssen, seltener stürzen und eine bessere Lebensqualität haben, wenn in der WG eine komplexe Intervention mit folgenden Elementen stattfindet: (A) Schulung des Pflegepersonals im Erkennen von Risiken für eine Krankenhauseinweisung, (B) frühzeitige Kontaktierung der zuständigen Ärzte bei gesundheitlichen Problemen und (C) Training zur Verbesserung motorischer und kognitiver Fähigkeiten.
Die Daten werden mit standardisierten Messverfahren sowie mit Hilfe von Experteninterviews und Fokusgruppendiskussionen erhoben. Ergänzend werden anonymisierte Krankenkassendaten ausgewertet. Die Intervention wird zuerst in der Interventionsgruppe angewandt und später in einer Kontrollgruppe. Die Zuordnung zu diesen Gruppen erfolgt WG-weise und per Zufall.
Im Erfolgsfall kann das Projekt dazu beitragen, dass Krankenhauseinweisungen vorgebeugt und Menschen mit Demenz eine längere Partizipation in der Demenz-WG ermöglicht wird.

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